Die drei Lichter auf dem Gnitz
Eine der ältesten überlieferten Usedom-Geschichten.
Die drei Lichter auf dem Gnitz - eine der ältesten überlieferten Usedom-Geschichten
Am Heiligen Drei-Königs-Abend sollen auf dem Gnitz drei geheimnisvolle Lichter erschienen sein und sich bei einem Dornbusch nahe Neuendorf getroffen haben. Das Ungewöhnliche an dieser Geschichte ist nicht nur ihr rätselhafter Inhalt. Ihre schriftliche Spur führt bis zu Thomas Kantzow und damit in das 16. Jahrhundert zurück.
Drei Lichter treffen sich bei einem Dornbusch
Die Geschichte spielt am Heiligen Drei-Königs-Abend. Nach der bei Alfred Haas überlieferten Fassung erscheinen auf dem Gnitz drei Lichter.
Sie treffen sich bei einem Dornbusch in der Nähe von Neuendorf. Schon dieses Bild macht die Geschichte ungewöhnlich: keine verwunschene Prinzessin, kein Drache und kein Geist mit Namen, sondern drei rätselhafte Lichter in einer realen Landschaft.
Mehr sollten wir aus der Quelle nicht machen. Die Überlieferung nennt die drei Lichter, den Dreikönigsabend, den Dornbusch und Neuendorf. Eine sichere Erklärung dafür, was die Lichter gewesen sein könnten, liefert sie nicht.
Warum der Gnitz für diese Geschichte so wichtig ist
Alfred Haas lokalisiert den Stoff 1904 ausdrücklich auf dem Gnitz. Seine Fassung beschreibt den Ort als Land auf Usedom am Lassahnschen Wasser und nennt Neuendorf als Bezugspunkt.
Der Gnitz ist eine Halbinsel im Achterwasserbereich Usedoms. Auf Usedom-Insider findest Du den Landschaftsraum bereits in der Übersicht zu Inseln und Halbinseln auf Usedom.
Für die Sage ist wichtig, dass wir nicht einfach irgendeinen heutigen Punkt als exakten Ort des Dornbusches ausgeben. Die historische Quelle nennt Neuendorf und einen Dornbusch, aber keine Position, die sich heute eindeutig auf einer Karte festnageln lässt.
Thomas Kantzow führt die Geschichte bis ins 16. Jahrhundert
Der außergewöhnliche Quellenwert dieser Geschichte liegt in ihrer Tiefe. Alfred Haas greift 1904 nicht nur auf eine jüngere Sagensammlung zurück, sondern verweist auf Thomas Kantzows Chronik von Pommern in der Ausgabe von Georg Gaebel.
Haas nennt dafür Band II, erste Bearbeitung, Seite 256. Thomas Kantzow lebte etwa von 1505 bis 1542. Damit reicht die schriftliche Überlieferung dieses Stoffes bis in das 16. Jahrhundert zurück.
Das bedeutet nicht automatisch, dass wir das genaue Entstehungsjahr der Geschichte kennen. Im Vergleich zu vielen anderen Usedomer Sagen besitzt sie aber eine ungewöhnlich alte schriftliche Spur.
Bei Temme liegen die drei Lichter plötzlich auf Görmitz
Johann D. H. Temme nahm den Stoff 1840 als Nr. 239 in seine Volkssagen von Pommern und Rügen auf.
Seine Ortsangabe weicht jedoch von der bei Haas verwendeten Kantzow-Fassung ab. Temme schreibt von „Görmitz oder Görms“.
Gleichzeitig verweist Temme selbst auf Thomas Kantzows Handschriften. Damit haben wir eine bemerkenswerte Situation: Beide Überlieferungswege führen auf Kantzow zurück, nennen aber nicht denselben Ort.
Gnitz oder Görmitz - wo spielen die drei Lichter wirklich?
Nach dem aktuellen Forschungsstand können wir diese Frage nicht endgültig beantworten.
Temme nennt 1840 Görmitz beziehungsweise Görms. Die von Haas 1904 verwendete Gaebel-Ausgabe von Kantzows Chronik nennt dagegen ausdrücklich den Gnitz und einen Dornbusch bei Neuendorf.
Die Abweichung ist nicht klein genug, um sie einfach als verschiedene Schreibweisen desselben Ortes abzutun. Deshalb behandeln wir sie als echte offene Quellenfrage.
Die Kantzow-Gaebel-Fassung liefert den klaren Usedom-Bezug
Der Seitentitel verwendet bewusst den Gnitz, weil die bei Haas wiedergegebene Kantzow-Gaebel-Fassung den Schauplatz ausdrücklich auf Usedom lokalisiert und sogar Neuendorf nennt.
Das macht die Geschichte für unser Usedom-Cluster besonders relevant. Gleichzeitig wäre es unseriös, Temmes abweichende Görmitz-Fassung einfach auszublenden.
Der Titel ist deshalb eine redaktionelle Entscheidung auf Basis der derzeit klareren Usedom-Lokalisierung, keine Behauptung, die Ortsfrage sei endgültig gelöst.
Kerzen und Lichter am Dreikönigsabend
Haas überliefert neben der eigentlichen Geschichte eine bemerkenswerte Randbemerkung von Nikolaus von Klempzen.
Danach sollen Bauern am Heiligen Drei-Königs-Abend mit Kerzen und Lichtern hinausgegangen sein. Diese Sitte sei später durch Herzog Philipp I. abgeschafft worden.
Damit wird die Geschichte noch interessanter. Die drei Lichter stehen möglicherweise nicht völlig isoliert in der Überlieferung, sondern neben einem historischen Bericht über einen Lichtbrauch zu genau diesem Termin.
Aus der vorliegenden Quellenlage dürfen wir allerdings nicht behaupten, dass dieser Brauch die drei Lichter sicher erklärt. Die zeitliche und thematische Verbindung ist bemerkenswert, eine eindeutige Ursache ist damit aber nicht bewiesen.
Warum die drei Lichter zu den spannendsten Usedomer Quellen gehören
Viele bekannte Usedomer Sagen sind erst in Drucksammlungen des 19. Jahrhunderts direkt greifbar. Die drei Lichter führen deutlich weiter zurück.
Dass Haas den Stoff über Kantzow in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückführt, macht ihn innerhalb des Projekts besonders wertvoll.
Dabei ist gerade die Unsicherheit ein Teil der Geschichte. Wir besitzen eine sehr alte Spur, aber keinen vollständig geschlossenen Quellenweg. Die Ortsabweichung zwischen Gnitz und Görmitz zeigt, wie vorsichtig man mit jahrhundertealten Überlieferungen umgehen muss.
Was ist bei den drei Lichtern belegt?
Kannst Du heute auf den Spuren der drei Lichter unterwegs sein?
Den Gnitz kannst Du natürlich besuchen. Die Halbinsel gehört zu den markanten Landschaften am Achterwasser.
Einen ausgeschilderten oder historisch sicher identifizierten „Drei-Lichter-Dornbusch“ gibt es aus unserem Quellenstand dagegen nicht.
Genau deshalb würde ich die Geschichte heute nicht als klassische Sehenswürdigkeit behandeln. Interessanter ist der Gedanke, an einem realen Landschaftsort unterwegs zu sein, der bereits in einer jahrhundertealten Überlieferung auftaucht.
Fragen zu den drei Lichtern auf dem Gnitz
Nach der von Haas überlieferten Fassung erscheinen am Heiligen Drei-Königs-Abend drei Lichter auf dem Gnitz und treffen sich bei einem Dornbusch nahe Neuendorf.
Die schriftliche Überlieferung führt über Thomas Kantzows Chronik bis in das 16. Jahrhundert zurück. Temme veröffentlichte den Stoff 1840, Haas erneut 1904.
Die Quellen widersprechen sich. Temme nennt 1840 Görmitz beziehungsweise Görms. Die von Haas verwendete Kantzow-Gaebel-Fassung lokalisiert den Stoff dagegen ausdrücklich auf dem Gnitz bei Neuendorf.
Die Kantzow-Gaebel-Fassung bietet über Haas die klare Usedom-Lokalisierung auf dem Gnitz und nennt Neuendorf. Temmes abweichende Ortsangabe wird deshalb nicht verschwiegen, sondern ausdrücklich erklärt.
Die drei Lichter werden mit dem Heiligen Drei-Königs-Abend verbunden. Zusätzlich überliefert Haas eine Randbemerkung, nach der Bauern an diesem Abend mit Kerzen und Lichtern hinausgegangen seien.
Nach der von Haas wiedergegebenen Randbemerkung des Nikolaus von Klempzen soll Herzog Philipp I. die entsprechende Sitte abgeschafft haben.
Der Gnitz und Neuendorf sind reale Ortsbezüge. Der konkrete historische Dornbusch und damit ein exakt bestimmbarer heutiger Punkt sind jedoch nicht verifiziert.
Drei Lichter und eine überraschend tiefe Quellenfrage
Auf den ersten Blick ist die Geschichte klein: Drei Lichter erscheinen am Dreikönigsabend und treffen sich bei einem Dornbusch. Gerade ihre Quellen machen sie aber zu einer der interessantesten Überlieferungen unseres Usedom-Projekts.
Die Spur führt bis zu Thomas Kantzow und damit ins 16. Jahrhundert. Gleichzeitig widersprechen sich spätere Überlieferungswege beim Schauplatz. Temme nennt Görmitz, die bei Haas verwendete Kantzow-Fassung den Gnitz bei Neuendorf.
Was die Lichter waren, wissen wir nicht. Warum die Ortsangaben auseinanderlaufen, ebenfalls nicht. Aber genau deshalb ist die Geschichte so wertvoll: Hier bleibt die alte Überlieferung sichtbar, ohne dass offene Fragen für eine schönere Geschichte weggebügelt werden.