NVA auf Usedom
Als Usedom Ferieninsel und Militärinsel zugleich war
Usedom steht heute für Strand, Seebrücken und Urlaub. Zu DDR-Zeiten gehörte noch eine zweite Insel dazu: Kriegsschiffe lagen in Peenemünde, MiGs flogen über den Norden, bei Pudagla drehten sich Radarantennen und manche Straßen endeten an Schlagbäumen. Vieles davon ist verschwunden. Erstaunlich viele Spuren liegen aber noch immer mitten im heutigen Usedom.
Urlaub am Strand, Militär gleich nebenan
Wer heute über Usedom fährt, muss sich diese Insel erst einmal vorstellen: Urlauber liegen am Strand, Familien verbringen ihre Ferien in den Ostseebädern und ein paar Kilometer weiter beginnt eine Welt aus Kasernen, Flugplätzen, Radarstellungen und militärischen Sperrgebieten.
Der größte Schwerpunkt lag im Norden. Peenemünde war gleichzeitig Standort der Volksmarine und der Luftstreitkräfte der NVA. Doch die militärische Nutzung hörte dort nicht auf. Von Trassenheide über Pudagla bis nach Garz, Kamminke und Korswandt finden sich weitere Orte, die damals eine völlig andere Funktion hatten als heute.
Gerade dieser Gegensatz macht die Geschichte für mich so spannend. Es geht nicht darum, aus Usedom nachträglich eine einzige große Militäranlage zu machen. Das war die Insel nicht. Es geht um die Stellen, an denen Ferieninsel und Militärinsel unmittelbar nebeneinander existierten.
Schiffe im Hafen und MiGs auf dem Flugplatz
Kein Ort steht stärker für die militärische Nachkriegsgeschichte Usedoms als Peenemünde. Dabei gerät die DDR-Zeit oft hinter der viel bekannteren Geschichte der Versuchsanstalten aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Blick.
Nach dem Krieg entwickelte sich hier erneut ein großer Militärstandort. Am Hafen entstand der wichtigste Stützpunkt der späteren 1. Flottille der Volksmarine. Das war nicht einfach ein Kai mit ein paar Marineschiffen. Zum Standort gehörten Führung, Schiffsverbände, Versorgung, Instandsetzung und zahlreiche weitere Einrichtungen.
Gleichzeitig bekam Peenemünde noch eine zweite militärische Rolle. 1961 wurde das Jagdfliegergeschwader 9 auf den Flugplatz verlegt. Damit lagen Marinehafen und Jagdflugplatz praktisch nebeneinander.
Die militärische Nutzung endete dort übrigens nicht schon mit der DDR. Teile wurden nach 1990 zunächst von der Bundeswehr übernommen. Erst 1996 endete die militärische Präsenz in Peenemünde endgültig.
Die MiGs waren nur die sichtbare Hälfte
Die Jagdflugzeuge aus Peenemünde konnte man hören und sehen. Hinter ihrem Einsatz steckte aber ein ganzes Netz weiterer Einrichtungen auf der Insel.
Das Jagdfliegergeschwader 9 in Peenemünde flog unter anderem MiG-21 und später MiG-23. Für die Überwachung des Luftraums spielte dagegen ein Standort weiter südlich eine wichtige Rolle: Pudagla.
Dort befanden sich Funktechnische Truppen der Luftverteidigung. Einfacher gesagt: Radar. Von hier wurde der Luftraum beobachtet und eine Luftlage erstellt, die unter anderem für die Führung der Jagdflugzeuge wichtig war. Die Radarstellung blieb sogar noch über das Ende der DDR hinaus in Betrieb und wurde 1992 aufgegeben.
Und dann gab es noch Garz. Der Flugplatz im Südosten diente der NVA als Ausweich- und Verlegeflugplatz und stand ebenfalls mit dem Flugbetrieb des JG-9 in Verbindung. Heute liegt hier der Flughafen Heringsdorf. Die zivile Nutzung lässt leicht vergessen, dass dieselbe Gegend jahrzehntelang eine militärische Seite hatte.
Diese Geschichte bekommt deshalb ihre eigene Seite: Militärflugplatz Garz - MiGs, Ausweichflugplatz und sowjetische Soldaten auf Usedom.
Die Volksmarine reichte weit über Peenemünde hinaus
Wer bei Volksmarine nur an Schiffe im Peenemünder Hafen denkt, übersieht einen Teil der Geschichte. Für einen großen Marinestandort brauchte man auch Einrichtungen an Land, und die lagen teilweise weit außerhalb von Peenemünde.
Besonders spannend ist Trassenheide. Dort lag ein ausgelagerter Gefechtsstand der 1. Flottille. Dazu kamen militärische Flächen für Marinepioniere, chemische Abwehr und Fahrzeuge. Heute ist die Gegend längst in einer anderen Zeit angekommen. Teile des ehemaligen Bunkerbereichs wurden sogar für den Fledermausschutz erhalten.
Auch Korswandt gehörte in dieses Netz. Hier ist eine Flakbatterie im Zusammenhang mit der 1. Flottille belegt. Eine ehemalige Kaserne und die spätere Umwandlung militärischer Flächen machen den Ort besonders interessant für den Vergleich zwischen damals und heute.
Mehr dazu findest Du unter NVA in Korswandt - Flakbatterie, Kaserne und was danach kam.
Kleinere Standorte wie Zinnowitz und das Munitionslager bei Sauzin gehören ebenfalls in dieses Versorgungsnetz. Sie bekommen zunächst bewusst keine eigenen Seiten. Dafür ist ihre Geschichte im Zusammenhang mit der Volksmarine in Peenemünde besser aufgehoben.
Wenn hinter dem Ferienort das Sperrgebiet begann
Besonders deutlich trafen Urlaub und Militär im Norden aufeinander. Karlshagen lag direkt an einem Gebiet, dessen Alltag stark durch die militärischen Anlagen rund um Peenemünde geprägt wurde.
Der Weg nach Norden führte nicht einfach in den nächsten frei zugänglichen Inselort. Große Bereiche waren militärisch abgeschirmt. Schlagbäume, Kontrollen und Zugangsbeschränkungen gehörten zum Bild einer Gegend, die heute ganz selbstverständlich mit Bahn, Fahrrad oder Auto erreichbar ist.
Für Karlshagen bedeutete das eine ungewöhnliche Nachbarschaft: Ostseestrand und Ferienleben auf der einen Seite, Jagdflugzeuge, Marine und Sperrgebiet auf der anderen.
Auch im Süden endete die Bewegungsfreiheit
Am anderen Ende der Insel wartete eine ganz andere Grenze. Zwischen der DDR und Polen verlief quer über Usedom eine Staatsgrenze, deren Sicherung zum Alltag in Bansin, Ahlbeck, Garz und Kamminke gehörte.
Hier muss man genau unterscheiden: Die Grenztruppen der DDR waren nicht einfach dasselbe wie die NVA. Hinzu kam die 6. Grenzbrigade Küste, die organisatorisch zur Volksmarine gehörte. Für einen Spaziergänger am Strand war diese Behördenstruktur vermutlich weniger wichtig als die Frage, wo man weitergehen durfte und wo nicht.
In Ahlbeck befand sich eine Grenzübergangsstelle. Im Raum Garz und Kamminke gab es ebenfalls militärische Einrichtungen und einen Grenzkontrollpunkt zu Polen. Einige Details der damaligen Zuordnung sind kompliziert und werden deshalb auf der eigenen Grenzseite sauber auseinandergehalten.
Bei der NVA ging es auf Usedom nicht nur um Kasernen
Jetzt wird die Geschichte fast typisch Usedom: Selbst das Militär hatte auf der Ferieninsel seine Urlaubsseite.
Zur NVA gehörten Erholungs- und Ferieneinrichtungen, in denen Angehörige und ihre Familien Urlaub verbringen konnten. Solche Einrichtungen sind unter anderem für Ückeritz, Bansin und Heringsdorf belegt. In Karlshagen gab es außerdem ein Ferienlager.
Das ist für mich eine der interessantesten Seiten des ganzen Themas. Dieselbe Organisation, die Flugplätze, Schiffe und Kasernen betrieb, schickte ihre Angehörigen gleichzeitig zur Erholung an die Ostsee. Militärinsel und Ferieninsel lagen hier nicht einmal nebeneinander. Sie griffen direkt ineinander.
Aus Militärflächen wurden ganz andere Orte
Mit dem Ende der DDR verschwand die militärische Nutzung nicht überall über Nacht. Manche Standorte wurden zunächst übernommen, andere aufgegeben, verkauft oder in den folgenden Jahren Stück für Stück umgenutzt.
Gerade diese Nachgeschichte macht eine Tour durch das heutige Usedom spannend. In Garz liegt heute der zivile Flughafen Heringsdorf im direkten räumlichen Zusammenhang mit dem früheren Militärflugplatz. Bei Pudagla wurde aus dem ehemaligen Radarbereich eine Konversions- und Gewerbefläche. In Korswandt entstanden auf früher militärisch genutzten Flächen neue Nutzungen und Wohnbebauung.
In Trassenheide trifft die Vergangenheit auf eine besonders ungewöhnliche Gegenwart: Ein Teil der früheren Bunkeranlagen blieb als Quartier für Fledermäuse erhalten.
Und Peenemünde? Dort endete die militärische Präsenz erst 1996. Heute beschäftigen sich Ausstellungen und Museen unter anderem mit der Geschichte der Volksmarine und des Jagdfliegergeschwaders.
Neun Orte und Themen, die tiefer in die Geschichte führen
Diese Seite ist der Einstieg. Hinter den einzelnen Standorten stecken Geschichten, die sich nicht sinnvoll in ein paar Absätzen erzählen lassen.
Fragen zur NVA auf Usedom
Peenemünde war der mit Abstand größte militärische Schwerpunkt. Dort befanden sich wichtige Einrichtungen der Volksmarine und ab 1961 auch das Jagdfliegergeschwader 9.
Ja. Neben dem Flugplatz Peenemünde spielte auch Garz im Südosten eine wichtige Rolle als Ausweich- und Verlegeflugplatz.
Ein wichtiger Radarstandort lag südwestlich von Pudagla. Dort waren funktechnische Einheiten der Luftverteidigung stationiert.
Nicht durchgehend. Die Grenztruppen wurden zum Jahreswechsel 1973/74 aus der NVA ausgegliedert. Die 6. Grenzbrigade Küste war dagegen eine Besonderheit und gehörte organisatorisch zur Volksmarine.
Ja, allerdings sehr unterschiedlich. Manche ehemaligen Militärflächen wurden vollständig umgenutzt, an anderen Standorten sind Gebäude, Flächenstrukturen oder Bunkerteile erhalten geblieben.
Die Militärinsel ist verschwunden, ihre Spuren nicht
Mich reizt an dieser Geschichte vor allem der Blick auf das heutige Usedom. Man fährt durch Ferienorte, zum Flughafen, durch das Achterland oder nach Peenemünde und bewegt sich dabei immer wieder durch Gegenden, die vor wenigen Jahrzehnten Kasernen, Radarstellungen, Flugplätze oder Sperrgebiete waren. Wenn man diese zweite Ebene kennt, sieht die Insel plötzlich ein wenig anders aus.