FDGB-Urlaub auf Usedom
FDGB-Urlaub auf Usedom - Ferienheime, Vertragszimmer und Urlaubsalltag
Ein Urlaub auf Usedom konnte in der DDR ganz anders beginnen als heute. Statt Hotel oder Ferienwohnung selbst im Internet auszuwählen, erhielten viele Urlauber ihren Ferienplatz über den FDGB-Feriendienst. Manche wohnten in großen Ferienheimen, andere in einfachen Zimmern bei Privatleuten und gingen zum Essen in einen zugewiesenen Speisesaal. Gerade auf Usedom entstand daraus eine eigene Ferienwelt, deren Spuren bis heute sichtbar sind.
Nicht jeder DDR-Urlaub auf Usedom war ein FDGB-Urlaub
Wenn heute von Urlaub auf Usedom in der DDR gesprochen wird, fällt schnell der Begriff FDGB. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund spielte im Ferienwesen tatsächlich eine wichtige Rolle. Trotzdem wäre es falsch, jeden damaligen Urlaub auf der Insel als FDGB-Urlaub zu bezeichnen.
Neben FDGB-Ferienheimen gab es Betriebsferienheime, private Urlauber, Campingplätze, Kinderferienlager und weitere Ferienobjekte. Schon eine Zinnowitzer Broschüre aus dem Jahr 1950 zeigt diese Mischung sehr deutlich: Dort werden klassische Pensionen und Hotels ebenso aufgeführt wie FDGB-Heime, ein Reichsbahn-Erholungsheim und ein FDJ-Heim.
Den Gesamtblick auf Ferienlager, Camping, Bahnanreise, Grenze und den Wandel nach 1990 findest Du auf der Cornerstone-Seite Ferien auf Usedom damals und heute.
Wie bekam man einen FDGB-Ferienplatz auf Usedom?
Das Prinzip unterschied sich deutlich von einer heutigen Buchung. Viele Ferienplätze wurden über den FDGB-Feriendienst vermittelt. Der Urlauber suchte sich also nicht einfach ein bestimmtes Hotel auf Usedom aus und reservierte dort selbst ein Zimmer.
Gleichzeitig war die Nachfrage nach Ferien an der Ostsee groß. Die vorhandenen FDGB-Heime reichten nicht aus, um alle Urlauber unterzubringen. Deshalb wurden weitere Unterkunftsformen in das System eingebunden, darunter auch Zimmer bei privaten Vermietern.
Hinzu kamen die Ferienheime einzelner Betriebe. In den Kaiserbädern waren organisierte Ferienangebote besonders bedeutend. Die offizielle Geschichte der Kaiserbäder beschreibt, dass Unterkunftsvergabe und Gästebetreuung ab den 1950er-Jahren bis 1989 fast ausschließlich über den FDGB-Feriendienst oder Betriebsferienheime liefen.
Das bedeutete aber nicht, dass überall dasselbe System galt. Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen FDGB-Ferienplatz, Betriebsurlaub und privatem Vertragszimmer zu unterscheiden.
Ferienheim, Betriebsheim oder Zimmer bei Privatleuten
Die Unterkunft konnte vom großen Ferienkomplex bis zum einfachen Zimmer in einem privaten Wohnhaus reichen. Für den Urlauber war deshalb nicht allein entscheidend, über wen der Ferienplatz vermittelt wurde, sondern auch, welche Unterkunft tatsächlich dahinterstand.
Gerade die privaten Vertragszimmer sind heute besonders interessant, weil sie kaum in das verbreitete Bild vom großen FDGB-Ferienheim passen.
Schlafen bei Privatleuten, essen im Speisesaal
Am Beispiel von Ahlbeck lässt sich gut nachvollziehen, wie private Zimmer in das FDGB-System eingebunden waren. Weil die Betten in den eigenen Ferienheimen nicht ausreichten, nutzte der Feriendienst zusätzlich einfache Privatquartiere.
Wer in einem solchen Zimmer untergebracht war, bekam für die Mahlzeiten Verpflegungsgutscheine. Gegessen wurde nicht unbedingt beim Vermieter. Urlauber konnten einer HO-Gaststätte, dem Speisesaal eines FDGB-Erholungsheims oder einer besonderen FDGB-Verpflegungsstelle zugeteilt werden.
Auch Zinnowitz liefert einen klaren Beleg für dieses System. Die Ortssatzung von 1974 unterscheidet ausdrücklich zwischen normalen privaten Gästezimmern und Vertragsbetten des FDGB. Solche vertraglich gebundenen Betten durften während der vereinbarten Saison nicht einfach anderweitig vergeben werden.
Gerade diese Mischung macht den FDGB-Urlaub auf Usedom interessant. Das organisierte Ferienwesen spielte sich nicht nur in großen Ferienheimen ab. Es reichte bis in private Wohnhäuser hinein.
Das Haus der Erholung war Speisesaal, Treffpunkt und Kulturzentrum
Ein besonders anschauliches Beispiel für die Infrastruktur hinter den privaten Quartieren steht bis heute in Ahlbeck: das Haus der Erholung.
Das Gebäude wurde 1957 eröffnet. Es besaß einen großen Speisesaal, eine Bühne, einen Filmvorführraum sowie Aufenthalts- und Gesellschaftsräume. Damit war es nicht einfach nur eine Verpflegungsstelle.
Gerade Urlauber aus privaten Quartieren konnten dort essen oder ihre Freizeit verbringen. Das war wichtig, weil viele einfache Privatzimmer selbst keine größeren Aufenthaltsräume boten.
Was wurde aus dem Haus der Erholung?
Nach 1990 blieb das Gebäude zunächst in Nutzung. Es diente unter anderem als Kino, Diskothek und Veranstaltungsort. Seit 2010 ist es geschlossen, das Haus steht jedoch weiterhin und ist denkmalgeschützt.
2026 wurde der Bauantrag für die Sanierung eingereicht. Geplant sind eine denkmalgerechte Erneuerung, ein moderner Anbau und eine spätere Nutzung als öffentlicher Kultur- und Veranstaltungsort.
„Solidarität“ wurde zum Ferienkomplex für bis zu 1.200 Gäste
Auch in Heringsdorf prägte der organisierte Ferienbetrieb den Ort stark. Die Ortschronik nennt für 1951, die erste Saison mit FDGB-Feriendienst, bereits 19.265 Urlauber. Bis 1989 stieg die Zahl auf rund 60.000 Urlauber im Jahr.
Besonders gut dokumentiert ist das FDGB-Erholungsheim „Solidarität“. Es befand sich zunächst im ehemaligen Kurhaus Kaiserhof Atlantic.
Eine Aufnahme des Bundesarchivs aus dem Jahr 1957 nennt 133 Zimmer. Untergebracht wurden 316 Erwachsene und 19 Kinder für jeweils 13 Ferientage. Der Ferienplatz kostete 30 DM.
Das historische Gebäude verfiel später und wurde 1979 abgerissen. 1984 eröffnete am selben Standort ein völlig neuer Ferienkomplex mit einem Versorgungszentrum und zwei zehngeschossigen Gebäuden. Gleichzeitig konnten dort bis zu rund 1.200 Gäste untergebracht werden.
Diese hohen Gebäude prägen den Standort bis heute. Nach 1990 wurde der Komplex von privaten Investoren übernommen und baulich verändert. Heute befinden sich dort das Kurhotel zu Heringsdorf als Hotel- und Appartementanlage sowie eine angrenzende Rehaklinik.
Gerade hier lässt sich der Wandel besonders gut ablesen. Auf das historische Kurhaus folgte in der DDR ein groß dimensionierter Ferienkomplex. Heute verbindet derselbe Standort wieder touristische Nutzung mit Gesundheitsangeboten.
Zinnowitz wurde zum „Seebad der Werktätigen“
Zinnowitz gehört zu den am besten dokumentierten Beispielen des organisierten Ferienwesens auf Usedom. 1948 übernahm der FDGB die Leitung des Ferienbetriebs. 1950 wurden bereits rund 20.000 Urlauber gezählt.
Besonders aufschlussreich ist eine Zinnowitzer Broschüre aus dem Jahr 1950. Sie zeigt, dass klassische Pensionen und Hotels, FDGB-Heime, das Reichsbahn-Erholungsheim und ein FDJ-Heim nebeneinander existierten.
Genannt werden unter anderem das Bahnhofs-Hotel und das Haus „Zur Eiche“ als FDGB-Heime. Das Bergarbeiter-Ferienheim „Glückauf“ verfügte über 120 Betten, das Reichsbahn-Erholungsheim über 70 Betten.
Gleichzeitig finden sich weiterhin klassische Pensionen mit konkreten Bettpreisen. Die Pension Waldkrone wurde beispielsweise mit 3,50 bis 4,50 Mark pro Bett und Tag aufgeführt, die Pension Seestern mit 2,50 bis 4,00 Mark.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Ferienbetrieb weiter. Für 1971 sind mehr als 75.000 Urlauber dokumentiert, 1980 waren es 74.575 ohne Camping.
Essen konnte nach Uhrzeit und Gutschein organisiert sein
Gerade für heutige Urlauber ist die Verpflegung ein interessanter Unterschied. Wer in einer modernen Ferienwohnung wohnt, entscheidet meist selbst, wann und wo gegessen wird. Beim organisierten Ferienbetrieb konnten Unterkunft und Mahlzeiten dagegen fest miteinander verbunden sein.
In Ahlbeck wurden Urlaubern in Privatquartieren Verpflegungsgutscheine ausgehändigt. Damit gingen sie in zugewiesene Gaststätten oder Speisesäle.
Auch aus Zempin ist ein anschauliches Beispiel überliefert. Dort wurden rund 400 Feriengäste zentral verpflegt. Weil nicht alle gleichzeitig in den Speisesaal passten, gab es mehrere Essensdurchgänge mit festen Zeiten.
Für Familien, die am Achterwasser untergebracht waren, konnte das sogar bedeuten, zu den Mahlzeiten bis auf die Ostseeseite des Ortes zu laufen.
Das war nicht überall auf Usedom identisch. Die Beispiele aus Ahlbeck und Zempin zeigen aber gut, wie stark Verpflegung und Tagesablauf bei bestimmten Ferienformen organisiert sein konnten.
Zum FDGB-Urlaub gehörte auch ein Freizeitprogramm
Ferienheime und zentrale Einrichtungen waren nicht nur zum Schlafen und Essen da. Das Haus der Erholung in Ahlbeck besaß beispielsweise Bühne, Filmvorführraum und Gesellschaftsräume.
Zinnowitzer Veranstaltungsprogramme zeigen ebenfalls ein breites Angebot. Kurkonzerte, Ausflüge, Strandsportfeste, Ponyfahrten, Urlauberabende, Tischtennis, Skat, Rommé und später auch Disco gehörten zu verschiedenen Zeiten zum Ferienprogramm.
Das bedeutet nicht, dass jeder FDGB-Urlauber jeden Tag an einem organisierten Programm teilnahm. Strand, Baden und eigene Ausflüge blieben selbstverständlich ein wesentlicher Teil des Urlaubs.
Der Unterschied zu heute lag weniger darin, dass damals ständig Programm vorgeschrieben war. Auffällig ist vielmehr, wie eng Unterkunft, Verpflegung, Aufenthaltsräume und Freizeitangebote an vielen Orten organisatorisch miteinander verbunden waren.
Mit der Wende verschwand das alte Feriensystem
Nach 1990 änderten sich nicht nur Namen und Eigentümer von Ferienheimen. Das gesamte Organisationsprinzip verlor innerhalb kurzer Zeit seine Grundlage.
In Zinnowitz wurde Ende 1990 der Wismut-Feriendienst aufgelöst. Hotels sowie gastronomische, sportliche und kulturelle Einrichtungen schlossen zunächst. Mehr als 500 Beschäftigte verloren ihre bisherige Arbeit.
Auch in den Kaiserbädern mussten Eigentumsverhältnisse neu geordnet werden. Früher enteignete Hotels, Pensionen und Villen wurden teilweise rückübertragen. Andere Ferienkomplexe gingen an neue Betreiber oder erhielten völlig neue Nutzungen.
Damit änderte sich auch die Rolle privater Vermieter. Ein Zimmer war nun nicht mehr als FDGB-Vertragsbett Teil eines zentral organisierten Feriendienstes, sondern wurde zunehmend direkt und später über Gastgeberverzeichnisse und das Internet vermietet.
Manche Orte des FDGB-Urlaubs kannst Du heute noch sehen
Die DDR-Ferienwelt ist auf Usedom nicht vollständig verschwunden. Einige Gebäude wurden abgerissen, andere umgebaut und manche sind bis heute als frühere Ferienorte erkennbar.
Gerade solche Vorher-heute-Orte machen die Geschichte greifbar. Ein heutiges Hotel, eine Rehaklinik oder ein denkmalgeschütztes Gebäude kann Teil einer Urlaubswelt gewesen sein, die nach völlig anderen Regeln funktionierte.
Vom zugeteilten Ferienplatz zur eigenen Buchung
Heute suchst Du Dir Unterkunft, Reisetermin und Verpflegung selbst aus. Du kannst Hotelbewertungen lesen, Ferienwohnungen vergleichen oder spontan entscheiden, wo Du abends essen möchtest.
Beim FDGB-Urlaub waren viele dieser Dinge stärker organisiert. Ferienplatz, Unterkunft und teilweise auch die Verpflegung gehörten zu einem System, bei dem der einzelne Urlauber deutlich weniger selbst zusammenstellen musste oder konnte.
Beides sollte man nicht mit heutigen Maßstäben vorschnell als gut oder schlecht bewerten. Es waren unterschiedliche Formen des Reisens in unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen.
Gleich geblieben ist etwas viel Einfacheres: Wer einen Ferienplatz auf Usedom bekam, wollte am Ende vor allem an die Ostsee.
Mehr über Ferien auf Usedom früher
FDGB-Urlaub war mehr als das große Ferienheim
Wenn ich an FDGB-Urlaub auf Usedom denke, finde ich gerade die weniger offensichtlichen Teile interessant. Ein privates Zimmer im Wohnhaus konnte genauso zum System gehören wie ein großer Ferienkomplex an der Promenade.
In meiner eigenen Familie wurden FDGB-Zimmer vermietet, und dadurch gab es viel Kontakt mit Urlaubern. Andere Gäste wohnten in großen Anlagen mit eigener Versorgung und Freizeitangeboten.
Diese Unterschiede erklären, warum sich die damalige Ferienwelt nicht mit einem einzigen Bild zusammenfassen lässt. Und gerade die Gebäude, die heute noch stehen oder anders genutzt werden, machen diese Geschichte auf Usedom sichtbar.