DDR-Ferienlager auf Usedom
DDR-Ferienlager auf Usedom - als im Sommer tausende Kinder auf die Insel kamen
Wenn die Sommerferien begannen, veränderten sich manche Orte auf Usedom spürbar. Kinder kamen mit Sonderzügen auf die Insel, Ferienlager füllten sich und in Orten wie Karlshagen, Trassenheide oder Korswandt gehörten Ferienkinder zum Sommer. Einige Lager waren klein, andere boten Platz für hunderte oder sogar tausend Kinder.
Nicht jedes Ferienlager war dasselbe
Wenn heute von DDR-Ferienlagern gesprochen wird, landen schnell sehr unterschiedliche Einrichtungen unter einem gemeinsamen Begriff. Auf Usedom gab es Kinderferienlager, Betriebsferienlager mit Kinderbelegung, Zentrale Pionierlager und weitere betriebliche Ferienanlagen.
Hinter vielen Einrichtungen standen volkseigene Betriebe, Kombinate, Hochschulen oder andere Institutionen aus unterschiedlichen Teilen der DDR. Sie unterhielten auf Usedom eigene Ferienobjekte oder ermöglichten Kindern von Beschäftigten einen Ferienaufenthalt an der Ostsee.
Wie sich diese Kinderferienwelt in das gesamte Urlaubssystem der Insel einordnete, findest Du auf der Cornerstone-Seite Ferien auf Usedom damals und heute.
Im Sommer veränderten die Ferienlager ganze Orte
Besonders deutlich wird die Entwicklung in Karlshagen. Für 1951/52 sind dort etwa 150 Kinderplätze dokumentiert. 1958 waren es rund 450, 1963 bereits 3.125.
Für 1973 sind fast 5.000 Ferienkinder in den Karlshagener Betriebsferienlagern belegt. Damit kamen während der Ferien innerhalb kurzer Zeit mehrere tausend zusätzliche Kinder in einen vergleichsweise kleinen Ort.
Auch andere Orte waren stark geprägt. Die offizielle Ortsgeschichte von Trassenheide spricht für die Zeit nach dem Krieg von etwa 120 Kinder- und Betriebsferienlagern. Diese Zahl umfasst ausdrücklich beide Kategorien und darf deshalb nicht als Zahl reiner Kinderferienlager verstanden werden.
In Karlshagen sind für die Jahre 1984 bis 1989 insgesamt 63 Betriebsferieneinrichtungen dokumentiert. Schon diese Größenordnung zeigt, wie eng die Ostseeorte damals mit Ferienobjekten von Betrieben aus der gesamten DDR verbunden waren.
Ein Ferienlager war nicht einfach nur ein Zeltplatz für Kinder
Die Anlagen konnten sehr unterschiedlich aussehen. Manche bestanden aus Zelten oder einfachen Baracken, andere verfügten über Bungalows, Finnhütten, feste Unterkunftsgebäude, Speisesäle und Sanitäranlagen.
Das große Zentrale Pionierlager „Raymonde Dien“ in Trassenheide lag beispielsweise direkt hinter den Dünen im Wald. Überliefert sind Baracken, Zelte und feste Sanitärgebäude. Im DDR-Gesetzblatt von 1983 wurde das Lager mit 1.000 Plätzen geführt.
Auch der Ferienalltag unterschied sich je nach Lager, Zeit und Träger. Baden und Strand spielten naturgemäß eine große Rolle. Hinzu kamen Sport, Wanderungen, Ausflüge und organisierte Veranstaltungen.
Neptunfeste und Nachtwanderungen gehören zu meinen Erinnerungen
In Korswandt habe ich die Ferienlager noch selbst als Dorfkind erlebt. Wenn im Sommer die Ferienkinder kamen, waren sie im Ort nicht zu übersehen.
Besonders hängen geblieben sind bei mir Neptunfeste und Nachtwanderungen. Es gab Begegnungen zwischen den Ferienkindern und den Kindern aus dem Dorf, und damit waren die Lager für uns nicht irgendeine abgeschlossene Einrichtung am Ortsrand.
Historisch belegt ist in Korswandt unter anderem ein Betriebsferienlager des VEB Gummiwerke Thüringen Waltershausen. Hinweise gibt es außerdem auf weitere Einrichtungen, darunter ein Ferienlager des VEB Minol.
Viele Ferienkinder kamen mit dem Zug auf die Insel
Die großen Ferienlager brauchten eine entsprechende Anreiseorganisation. Gerade zu Beginn und Ende der Ferien mussten innerhalb kurzer Zeit viele Kinder auf die Insel beziehungsweise zurück nach Hause gebracht werden.
Wolgast war dabei ein entscheidendes Nadelöhr. Die heutige durchgehende Bahnverbindung über die Peene existierte noch nicht. Der allgemeine Bahnverkehr und die besondere Anreise der Ferienkinder gehörten deshalb zu einer Verkehrswelt, die sich deutlich von der heutigen unterscheidet.
Wie die normale Bahnanreise auf die Insel damals funktionierte, beschreibe ich ausführlicher unter Ferien auf Usedom damals und heute. Die heutige Verbindung findest Du bei der Usedomer Bäderbahn.
Karlshagen wurde zu einem Zentrum der Kinderferien
Kaum ein Ort zeigt die Entwicklung so eindrucksvoll wie Karlshagen. Aus etwa 150 Kinderplätzen Anfang der 1950er-Jahre wurden innerhalb gut eines Jahrzehnts mehr als 3.000.
Zu den bekanntesten Einrichtungen gehörte das Zentrale Pionierferienlager „German Titow“. Ab 1966 sind drei jeweils 14-tägige Durchgänge mit zusammen rund 2.000 Kindern pro Saison dokumentiert.
Gleichzeitig gab es zahlreiche weitere Betriebsferieneinrichtungen. Der Ort war deshalb nicht von einem einzigen großen Lager geprägt, sondern von einer ganzen Ferienlandschaft.
Was wurde aus „German Titow“?
Nach der Wende verlor auch dieses Ferienlager seine ursprüngliche Funktion. 1998 und 1999 wurden auf dem ehemaligen Gelände insgesamt 171 Gebäude abgerissen.
Ab dem Jahr 2000 entstand dort die Dünenresidenz Usedom. Wer die heutige Anlage sieht, kann kaum erahnen, wie viele Gebäude früher auf dem Gelände standen und wie viele Kinder dort ihre Sommerferien verbrachten.
„Raymonde Dien“ hatte Platz für 1.000 Kinder
Trassenheide war ebenfalls stark durch Ferienanlagen geprägt. Eines der größten und bekanntesten Beispiele war das Zentrale Pionierlager „Raymonde Dien“.
Im DDR-Gesetzblatt von 1983 ist die Einrichtung mit 1.000 Plätzen aufgeführt. Träger war der VEB Reparaturwerk Neubrandenburg.
Das Lager lag in einem Waldgebiet direkt hinter den Dünen. Gerade diese Lage zeigt, warum Usedom für Kinderferien so attraktiv war: Strand, Wald und Ferienunterkunft lagen unmittelbar beieinander.
Was steht heute dort?
Nach 1990 wurde das Lager aufgegeben. Das Gelände bekam später eine völlig andere Nutzung und wurde Standort einer Kurklinik.
14 Tage Ferien für 70 Mark
Auch im heutigen Kaiserbad Bansin gab es Kinderferienlager. Für 1955 ist ein FDJ-Ferienlager dokumentiert, das einen besonders konkreten Einblick in die damalige Urlaubswelt liefert.
Ein 14-tägiger Aufenthalt einschließlich Reise und Vollverpflegung wurde damals für 70 Mark angeboten. Diese Zahl gehört ausdrücklich zu diesem konkreten Angebot aus dem Jahr 1955 und ist kein allgemeiner Preis für Ferienlager in der DDR.
Aus Bansin sind außerdem weitere Kinderferienangebote bekannt, darunter das Ferienlager „Philipp Müller“ des RAW Meiningen. Daneben gab es selbstverständlich weiterhin normalen Ferienbetrieb und private Urlauber.
Ferienlager gab es über die ganze Insel verteilt
Karlshagen, Trassenheide und Korswandt sind besonders anschauliche Beispiele, aber längst nicht die einzigen Orte mit Kinderferienlagern.
Diese Beispiele zeigen die geografische Breite des Ferienlagerwesens. Eine vollständige Liste aller Träger und Einrichtungen würde allerdings schnell zu einem historischen Verzeichnis werden. Genau das soll diese Seite nicht sein.
Was geschah nach 1990 mit den Ferienlagern?
Mit der politischen und wirtschaftlichen Wende verloren viele Ferienlager innerhalb kurzer Zeit ihre bisherigen Träger. Betriebe wurden aufgelöst, umgewandelt oder gaben ihre Ferienobjekte ab.
Die Folgen waren von Ort zu Ort unterschiedlich. Einige Anlagen wurden abgerissen, andere bekamen neue Eigentümer und neue Nutzungen. Manche ehemaligen Lagerstandorte sind heute kaum noch als solche zu erkennen.
Andere Standorte sind heute noch durch einzelne Gebäude, Fundamente oder Geländestrukturen erkennbar. Solche Reste sollte man allerdings nicht mit frei zugänglichen Sehenswürdigkeiten verwechseln. Grundstücksgrenzen und private Bereiche sind zu respektieren.
Die Ferienlagergeschichte ist an manchen Orten noch sichtbar
Besonders interessant sind Orte, an denen sich historische Fotos mit der heutigen Situation vergleichen lassen. Ein ehemaliges Ferienlager kann heute Wohngebiet, Ferienanlage, Klinik oder unbebautes Gelände sein.
Solche Vorher-heute-Vergleiche erzählen oft mehr als eine lange Liste von Lagernamen. Sie machen sichtbar, wie stark sich die Insel seit 1990 verändert hat.
Mehr über Urlaub auf Usedom früher
Die Ferienlager gehörten jahrzehntelang zum Sommer auf Usedom
Für viele ehemalige Ferienkinder sind mit diesen Orten sehr persönliche Erinnerungen verbunden. Für Einwohner gehörten die Kindergruppen, Ausflüge und Veranstaltungen vielerorts ganz selbstverständlich zum Sommer.
Heute ist davon vieles verschwunden oder kaum noch zu erkennen. Gerade deshalb lohnt es sich, alte Fotos, Ortsangaben und Erinnerungen zu bewahren. Nicht um jedes Ferienlager in einem Archiv zu katalogisieren, sondern um zu verstehen, wie stark diese Form des Urlaubs die Insel einmal geprägt hat.
Und manchmal erzählt ein heutiges Ferienhausgebiet oder eine Klinik eine Geschichte, die man dem Ort ohne ein altes Foto niemals ansehen würde.