Gefechtsstand Trassenheide
Mitten im Ferienort lag ein Gefechtsstand der Volksmarine
Trassenheide steht heute für Strand, Urlaub und Familienferien. Zu DDR-Zeiten gehörte noch eine ganz andere Seite zum Ort. An der Strandstraße lag ein militärisch genutztes Gelände mit Fuhrpark und einer ausgedehnten Bunkeranlage. Diese Anlage diente der Volksmarine als Gefechtsstand. Heute ist daraus ein Konversionsgebiet geworden, und ein Teil des Bunkers hat eine überraschende neue Aufgabe: Er dient Fledermäusen als Winterquartier.
Ein ungewöhnlicher Nachbar für einen Ferienort
Trassenheide gehörte in der DDR zu den Orten, in denen Ferien und Militär erstaunlich dicht nebeneinander lagen. Der Ort war voller Kinder- und Betriebsferienlager, gleichzeitig befand sich an der Strandstraße ein militärisch genutztes Gelände.
Kommunale Unterlagen bezeichnen die Fläche ausdrücklich als ehemaliges NVA-Gelände. Dort lagen ein militärischer Fuhrpark und eine größere Bunkeranlage. Diese Bunkeranlage diente der Volksmarine als Gefechtsstand.
Das macht Trassenheide für mich besonders interessant. Während sich im Ort Feriengäste und Kinderlager drängten, lag nur ein Stück weiter eine Anlage, die für einen völlig anderen Zweck vorgesehen war.
Der Bunker war kein gewöhnlicher Schutzraum
Der Begriff Bunker klingt schnell nach Beton, Türen und unterirdischen Gängen. Entscheidend ist in Trassenheide aber nicht die Bauform, sondern die Aufgabe.
Die Gemeinde dokumentiert die Anlage eindeutig als Gefechtsstand der Volksmarine. Ein solcher Gefechtsstand gehörte zum Führungssystem eines militärischen Verbandes. Hier sollten im Fall erhöhter Gefechtsbereitschaft Führungs- und Nachrichtenkräfte arbeiten können.
Der normale Führungsbetrieb der 1. Flottille saß in Peenemünde. Für den Ernstfall gab es zusätzlich vorbereitete Führungsstellen außerhalb des Hauptstandortes. Genau in dieses System gehört Trassenheide.
Warum die 1. Flottille einen zweiten Führungsort brauchte
Der wichtigste Marinestandort der Insel lag in Peenemünde. Dort saß die Führung der 1. Flottille, dort lagen die Schiffe und dort befand sich ein großer Teil der militärischen Infrastruktur.
Gerade deshalb war es sinnvoll, für besondere Lagen einen zweiten Führungsort außerhalb des Hauptstützpunktes vorzubereiten. Fachauswertungen zum Gefechtsführungssystem der Volksmarine ordnen Trassenheide ab Ende der 1970er Jahre der 1. Flottille zu.
Zuvor wird Bansin als ausgelagerter Gefechtsstand genannt. Ab 1978 soll diese Funktion nach Trassenheide verlegt worden sein. Ein Bericht von 1980 beschreibt den Bau des neuen Gefechtsstandes zu diesem Zeitpunkt als abgeschlossen.
Zum Bunker gehörte ein großer Fahrzeugbereich
Der militärische Alltag spielte sich nicht nur unter der Erde ab. Der ehemalige Standort an der Strandstraße wurde vor allem auch als Fuhrpark genutzt.
Kommunale Unterlagen nennen befestigte Fahrzeugabstellflächen sowie Pflege- und Reparaturrampen. Teile der Bunker wurden außerdem als Verwaltungs- und Unterkunftsbereiche genutzt.
Das Gelände war damit kein einzelner Bunker mitten im Wald, sondern eine größere militärische Liegenschaft mit Fahrzeugen, Technik und verschiedenen Funktionsbereichen.
Marinepioniere und chemische Abwehr in Trassenheide
Das Bundesarchiv bestätigt für Trassenheide noch zwei weitere Einheiten: den Marinepionierzug 1 und den Zug Chemische Abwehr 1. Beide werden in militärhistorischen Übersichten der 1. Flottille zugeordnet.
Was diese Einheiten ganz konkret in Trassenheide erledigten, lässt sich aus den bisher ausgewerteten Akten allerdings nicht zuverlässig rekonstruieren. Genau deshalb verzichte ich darauf, ihnen bestimmte Bauarbeiten oder Aufgaben am Bunker zuzuschreiben.
Gesichert ist ihre Anwesenheit. Für alles Weitere fehlen bislang die passenden Dienstakten.
Und was ist mit den Grenztruppen?
Im Bundesarchiv findet sich für Trassenheide zusätzlich ein Eintrag mit der Bezeichnung „NVA-Grenztruppe“. Auf den ersten Blick klingt das nach einem weiteren militärischen Standort.
So eindeutig ist die Sache aber nicht. Zu diesem Eintrag fehlen eine konkrete Einheitenbezeichnung, eine Kennung und eine klare NVA-Zuordnung. Ein eigenständiger Grenztruppenverband in Trassenheide ist damit bislang nicht bewiesen.
Eine Verbindung zum Ort gab es trotzdem: Die örtliche Feuerwehr berichtet, dass sie vor 1962 bei Einsätzen einen Robur LO der Grenzbrigade Küste nutzte. Das ist ein spannendes Detail, löst aber den unklaren Archiveintrag nicht vollständig auf.
Aus dem Militärgelände wurde eine Konversionsfläche
Nach 1990 begann für das Areal eine komplett neue Phase. Fahrzeuge und militärischer Betrieb verschwanden, zurück blieben Gebäude, Betonflächen, Bunker und die Folgen jahrzehntelanger Nutzung.
Eine Altlastenuntersuchung aus dem Jahr 2000 dokumentierte frühere Fahrzeug- und Reparaturbereiche sowie einzelne Bodenbelastungen. Solche Flächen mussten also erst untersucht und neu geordnet werden, bevor eine zivile Nutzung möglich wurde.
In späteren Planungen wurde das Gelände Schritt für Schritt für Wohn- und Grünflächen entwickelt. Damit folgt Trassenheide einem Muster, das man auf Usedom an mehreren ehemaligen Militärstandorten findet: Erst abgeschirmte Fläche, dann Konversion, heute wieder ganz normaler Teil des Ortes.
Die neuen Bewohner hängen kopfüber
Der schönste Damals-heute-Bogen dieser Geschichte steckt ausgerechnet im Bunker selbst. Teile der ehemaligen Anlage sollen nicht einfach verschwinden, sondern als Fledermausquartier erhalten bleiben.
Planungsunterlagen beschreiben einen rund 56 bis 60 Meter langen Gang mit unterschiedlich großen Räumen. Die Zugänge wurden zum Schutz vor Vandalismus verschüttet. Fledermäuse können vorhandene Lüftungsrohre nutzen, um hinein- und herauszufliegen.
Unter anderem wurde dort das Braune Langohr nachgewiesen. Aus einem militärischen Gefechtsstand wurde damit Jahrzehnte später ein geschützter Rückzugsort für Tiere.
Der Bunker ist kein Lost-Place-Ausflugsziel
Die ehemalige Anlage ist heute kein reguläres Museum und kein frei zugänglicher Bunker für Besichtigungen. Teile liegen in einem Gebiet, das für neue zivile Nutzungen entwickelt wurde.
Der erhaltene Bunkerbereich hat außerdem eine Funktion als Fledermausquartier. Genau deshalb sollte man ihn nicht als Abenteuerplatz oder Einstieg in eine verlassene Militäranlage behandeln.
Spannend ist der Ort trotzdem. Wer die Geschichte kennt, versteht, warum sich mitten in einem heutigen Ferienort noch Reste einer militärischen Vergangenheit finden.
Fragen zum Gefechtsstand Trassenheide
Ja. Kommunale Planungsunterlagen dokumentieren eine ausgedehnte Bunkeranlage, die der Volksmarine als Gefechtsstand diente.
Die kommunalen Unterlagen bestätigen die Volksmarine. Militärhistorische Fachauswertungen ordnen den Gefechtsstand sehr stark der 1. Flottille in Peenemünde zu.
Fachquellen nennen Trassenheide ab 1978 als Gefechtsstand der 1. Flottille. Anfang 1980 wird der Bau als abgeschlossen beschrieben.
Kommunale Unterlagen belegen unter anderem einen großen Fuhrpark, Reparatur- und Pflegebereiche sowie Bunker als Verwaltungs- und Unterkunftsräume.
Ein Teil der ehemaligen Anlage wird als Fledermauswinterquartier erhalten und in die heutige Grün- und Flächenentwicklung integriert.
Vom Gefechtsstand zum Fledermausquartier
Trassenheide erzählt für mich eine der besten Damals-heute-Geschichten des ganzen NVA-Themas. Ein Ort, den wir heute mit Urlaub und Strand verbinden, hatte gleichzeitig einen Gefechtsstand der Volksmarine, einen militärischen Fuhrpark und weitere Einheiten.
Nach 1990 verschwand diese Welt Stück für Stück. Das Gelände wurde untersucht, umgeplant und wieder in den Ort integriert.
Und ausgerechnet ein Teil des alten Bunkers blieb. Nicht als militärisches Denkmal, sondern als Winterquartier für Fledermäuse. Viel deutlicher kann sich die Funktion eines Ortes innerhalb weniger Jahrzehnte kaum verändern.