NVA-Erholungsheime auf Usedom
Auch die NVA schickte ihre Leute zum Urlaub an die Ostsee
Bei NVA auf Usedom denkt man zuerst an MiGs, Kasernen und Kriegsschiffe. Dabei hatte das Militär auf der Insel noch eine ganz andere Seite. In Ückeritz, Bansin und Heringsdorf betrieb die NVA eigene Erholungsheime. In Karlshagen gab es zusätzlich ein Ferienlager für Kinder. Plötzlich geht es nicht mehr um Gefechtsstände und Radar, sondern um Ostseeluft, Urlaub und die Frage, wie Erholung innerhalb einer Armee organisiert wurde.
Militäralltag brauchte offenbar auch Urlaub
Eine Armee besteht nicht nur aus Flugplätzen, Schiffen und Kasernen. Hinter den Uniformen standen Menschen und Familien. Und auch für sie spielte Erholung eine Rolle.
Die NVA unterhielt dafür ein eigenes Militärerholungswesen. Auf Usedom lassen sich mehrere solcher Einrichtungen sicher nachweisen. Das passt natürlich zur Insel. Wenn irgendwo in der DDR ein Erholungsheim sinnvoll erschien, war ein Platz nahe der Ostsee keine schlechte Wahl.
Besonders interessant finde ich den Kontrast. Während in Peenemünde Jagdflugzeuge starteten und Kriegsschiffe im Hafen lagen, verbrachten andere Angehörige derselben Streitkräfte ein Stück weiter südlich ihren Urlaub.
Auf Usedom standen Ferienheime fast überall
Wer sich mit der DDR-Zeit auf Usedom beschäftigt, stößt schnell auf eine riesige Zahl von Ferienheimen und Ferienlagern. Genau hier muss man aufpassen.
Neben den Einrichtungen der NVA gab es FDGB-Heime, Betriebsferienheime, Pionierlager und Ferienunterkünfte großer DDR-Betriebe. Allein Trassenheide hatte eine enorme Zahl solcher Ferienlager.
Ein Ferienheim aus DDR-Zeiten war deshalb noch lange kein NVA-Heim. Für diese Seite nehme ich nur Einrichtungen auf, deren militärische Trägerschaft tatsächlich belegt ist.
Der „Ostseeblick“ ist die stärkste Spur bis heute
Wenn ich einen Ort auswählen müsste, an dem sich die NVA-Erholung auf Usedom besonders gut erzählen lässt, wäre es Ückeritz.
Das Bundesarchiv bestätigt hier eine eigene Erholungsheimgruppe und das Erholungsheim „Ostseeblick“. Beide wurden unter der NVA-Kennung 01/844 geführt.
Das Gebäude entstand nach Angaben der heutigen Deutschen Rentenversicherung zwischen 1978 und 1984 als NVA-Erholungsheim. Der Standort lag am Steilufer und damit genau dort, wo man sich ein Ferienheim auf Usedom wahrscheinlich wünschen würde.
Hier wird die militärische Inselgeschichte plötzlich erstaunlich gewöhnlich. Statt Startbahn und Gefechtsstand geht es um eine Unterkunft an der Ostsee.
Wie genau der Urlaub ablief, wissen wir noch nicht vollständig
Zum Militärerholungswesen gehörte ein eigenes System zur Vergabe und Organisation von Erholungsaufenthalten. Fachliteratur behandelt unter anderem Urlaubsschecks, Unterkunft, Verpflegung, Preise und die Belegung der Heime.
Für die Usedomer Einrichtungen sind diese Einzelheiten bislang aber noch nicht vollständig ausgewertet. Deshalb nenne ich hier keine angeblichen Preise, Aufenthaltsdauern oder Vergaberegeln, die für Ückeritz, Bansin oder Heringsdorf nicht konkret belegt sind.
Was sich sicher sagen lässt: Die NVA betrieb auf der Insel eigene Einrichtungen für die Erholung ihrer Angehörigen. Ückeritz war dabei kein einzelnes zufälliges Ferienhaus, sondern Teil einer organisierten Erholungsstruktur.
„Haus am Berg“ mitten im Kaiserbad
Auch Bansin gehörte zum NVA-Erholungswesen. Das Bundesarchiv bestätigt dort das Erholungsheim „Haus am Berg“ in der Bergstraße 33.
Der Standort lässt sich heute noch ziemlich gut einordnen. Kommunale Planungsunterlagen führen das Areal als Bergstraße 33 beziehungsweise Strandpromenade 34.
Auch die ältere Gebäudegeschichte ist interessant. Ortshistorische Unterlagen verbinden das spätere „Haus am Berg“ mit der früheren „Pension Bansin“. Aus klassischer Bäderarchitektur wurde also irgendwann ein Erholungsheim der NVA.
Und genau in Bansin zeigt sich wieder, wie unterschiedlich die militärische Präsenz auf Usedom war. Im selben Ort saß auch die Grenzkompanie 1. Erholungsheim und Grenztruppen waren aber zwei völlig verschiedene Einrichtungen.
Die „Strandperle“ gibt uns noch ein Rätsel auf
Das dritte sicher belegte NVA-Erholungsheim lag in Heringsdorf. Der Bundesarchiv-Atlas nennt die „Strandperle“ mit der historischen NVA-Adresse Grenzstraße 3.
Auch eine militärhistorische Strukturrekonstruktion nennt dieselbe Adresse und ordnet die Strandperle zusammen mit dem Haus am Berg einer Erholungsheimgruppe Bansin zu.
Bei der heutigen Gebäudezuordnung wird es allerdings schwierig. Aktuelle Denkmallisten verbinden den Namen „Strandperle“ mit Grenzstraße 1, während Grenzstraße 3 heute mit der Villa Hubertus verbunden wird. Deren Nachkriegsgeschichte weist wiederum auf andere Nutzungen hin.
Für unsere Geschichte reicht trotzdem ein bemerkenswerter Fakt: Selbst mitten in den Kaiserbädern gehörten eigene Ferienunterkünfte der NVA zur touristischen Landschaft.
Für die Kinder gab es „German Titow“
Die vierte Geschichte unterscheidet sich von den drei Erholungsheimen. In Karlshagen befand sich das Ferienlager „German Titow“.
Das Lager ist sowohl durch Fachliteratur zum Militärerholungswesen als auch durch die Karlshagener Heimatgeschichtsdokumentation belegt.
Für die 1960er Jahre sind sogar Größenordnungen überliefert. Anfangs fanden mehrere Ferienlager-Durchgänge statt, später stieg die Zahl der Kinder pro Saison deutlich. Ab 1973 gehörte ein Klubhaus mit Saal, Bühne, Klubräumen und Bibliothek zum Lager.
Damit hatte Karlshagen neben seinem militärisch geprägten Wohn- und Arbeitsalltag noch eine weitere Verbindung zur NVA: Hier verbrachten Kinder ihre Ferien direkt an der Ostsee.
Der „Ostseeblick“ hatte offenbar noch einen zweiten Plan
Ausgerechnet beim Ferienheim in Ückeritz taucht noch eine ganz andere militärische Ebene auf.
Zwei militärhistorische Rekonstruktionen führen für den Mobilmachungsfall ein „Lazarett Ückeritz“ am Steilufer. Demnach sollte die Erholungseinrichtung im Ernstfall offenbar aufgelöst und in die militärische Lazarettstruktur übernommen werden.
Wichtig ist die Reihenfolge: Im normalen Friedensbetrieb war der Ostseeblick ein Erholungsheim. Er war nicht dauerhaft ein Lazarett.
Gerade dieses Detail zeigt, wie nah selbst beim Thema Urlaub die militärische Planung im Hintergrund blieb.
In Ückeritz ging es fast ohne Pause weiter
Die spannendste Nachgeschichte finden wir wieder beim Ostseeblick. Dort war nach dem Ende der NVA erstaunlich schnell klar, dass die Gebäude weiter genutzt werden sollten.
Ab dem 1. November 1990 wurde die Anlage umgebaut. Bereits am 15. Januar 1991 nahm die neue Rehaklinik die ersten Patienten auf. Damit wurde aus dem NVA-Erholungsheim innerhalb weniger Monate eine zivile Gesundheitseinrichtung.
Bemerkenswert ist auch, was mit den Menschen geschah. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung konnten fast alle der rund 130 Beschäftigten übernommen werden.
Zwischen 1993 und 1995 folgte eine umfassendere Modernisierung. Heute befindet sich am selben Standort das Reha-Zentrum Ückeritz mit der Klinik Ostseeblick.
Die NVA-Erholung verteilte sich entlang der Ostseeküste
Was auffällt: Die NVA suchte ihre Erholungsstandorte nicht irgendwo im Inselinneren. Alle vier Geschichten führen unmittelbar an die touristisch attraktive Ostseeküste.
Die Militärinsel nutzte also genau dieselben Vorzüge, wegen derer Urlauber bis heute nach Usedom kommen.
Fragen zu den NVA-Erholungsheimen
Sicher belegt sind der „Ostseeblick“ in Ückeritz, das „Haus am Berg“ in Bansin und die „Strandperle“ in Heringsdorf.
Ja. In Karlshagen ist das Ferienlager „German Titow“ durch Fachliteratur und örtliche Heimatgeschichtsdokumentation belegt.
Der Standort besteht weiter. Aus dem ehemaligen NVA-Erholungsheim wurde nach 1990 die heutige Klinik Ostseeblick des Reha-Zentrums Ückeritz.
Im normalen Betrieb nein. Er war ein Erholungsheim. Für den Mobilmachungsfall ist jedoch eine geplante Nutzung innerhalb der militärischen Lazarettstruktur fachlich gut gestützt.
Nein. Auf der Insel gab es zahlreiche FDGB-, Betriebs- und andere Ferienheime. Eine militärische Trägerschaft muss für jedes Objekt einzeln belegt werden.
Selbst die Militärinsel machte Urlaub
Die Erholungsheime gehören für mich zu den überraschendsten Geschichten des ganzen NVA-Clusters. Sie brechen das Bild aus Kasernen, Radar und Waffen plötzlich auf.
Die NVA nutzte Usedom nicht nur, weil sich die Insel militärisch gut eignete. Sie nutzte sie auch aus genau dem Grund, aus dem Menschen heute hierherkommen: Ostsee, Strand und Erholung.
Am deutlichsten sieht man den Wandel in Ückeritz. Dort steht am gleichen Ort heute noch eine Einrichtung, die Menschen bei ihrer Erholung helfen soll. Nur die Uniformen sind längst verschwunden.