Der Spuk von Gummlin 1896
Eine schwarze Frau, eine Mitternachtsaufgabe und ein Spukfall von 1896.
Der Spuk von Gummlin 1896 - die schwarze Frau und eine Usedomer Geistergeschichte
1896 soll ein junges Mädchen in Gummlin wiederholt einer schwarzen Frau begegnet sein. Die Erscheinung verlangte eine nächtliche Erlösung an der Bollbrücke bei Swinemünde. Nur wenige Jahre später hielt Alfred Haas die Geschichte fest und berichtete sogar von zeitgenössischen Zeitungsberichten und einer Theaterfassung.
Was soll 1896 in Gummlin geschehen sein?
Die Geschichte beginnt nicht in einem mittelalterlichen Schloss und auch nicht in einer jahrhundertealten Chronik. Alfred Haas berichtet von einem Spukereignis, das sich im Jahr 1896 abgespielt haben soll.
Schauplatz ist Gumlin, das heutige Gummlin bei Stolpe auf Usedom. Dort war nach Haas ein junges Mädchen bei einem Bauern beschäftigt. Dieses Mädchen soll wiederholt eine ungewöhnliche Erscheinung gesehen haben.
Es war eine schwarze Frau. Sie erschien nicht nur einmal und verschwand wieder, sondern stellte dem Mädchen schließlich eine sehr konkrete Aufgabe.
Wer war die schwarze Frau?
Nach der von Haas überlieferten Geschichte gab sich die schwarze Frau als ein ehemals ermordetes adliges Mädchen aus Sachsen zu erkennen.
Ihre Seele sei nicht erlöst. Genau deshalb wende sie sich an das Mädchen aus Gummlin. Die Begegnungen bekommen damit ein Motiv, das auch aus anderen Geistergeschichten bekannt ist: Eine tote Person erscheint einem Lebenden, weil nur dieser noch etwas für sie tun kann.
Ob hinter dieser angeblichen Biografie eine reale historische Person stand, ist aus der bisherigen Recherche nicht bekannt. Einen Nachweis für ein ermordetes sächsisches Adelsmädchen, das mit Gummlin oder der Bollbrücke verbunden werden kann, gibt es nicht.
Warum führt die Geschichte von Gummlin bis zur Bollbrücke?
Die schwarze Frau verlangte nach Haas, dass das Mädchen an einem Sonntag um Mitternacht zur Bollbrücke bei den drei Eichen nahe Swinemünde gehen sollte.
Damit besitzt der Spuk zwei deutlich voneinander entfernte Schauplätze: Gummlin als Ort der Erscheinungen und die Gegend bei der Bollbrücke im Bereich zwischen Swinemünde und Korswandt als Ort der geplanten Erlösung.
Gerade beim Namen Bollbrücke ist Vorsicht nötig. In historischen Usedomer Quellen taucht derselbe Flurname auch in einem anderen Zusammenhang auf dem Gnitz auf. Diese Orte dürfen nicht miteinander vermischt werden.
Drei Eichen in der Gummlin-Geschichte und sieben Eichen in einer anderen Sage
Haas dokumentiert außerdem einen eigenen Spukstoff über die sieben Eichen bei der Bollbrücke auf dem Weg zwischen Swinemünde und Korswandt.
Das klingt zunächst so ähnlich, dass man beide Geschichten leicht zusammenschieben könnte. Genau das sollten wir nicht tun. Beim Spukmädchen von Gummlin nennt die Überlieferung die Bollbrücke bei drei Eichen. Haas' eigenständige Sage Nr. 107 spricht dagegen von sieben Eichen, wobei manche Gewährsleute sogar nur fünf genannt hätten.
Beide Stoffe gehören in denselben größeren Spukraum, sind aber nicht einfach dieselbe Geschichte.
Zwei Choralverse vorwärts und rückwärts
Die Aufgabe der schwarzen Frau war ungewöhnlich genau beschrieben. Das Mädchen sollte an einem Sonntag um Mitternacht zur Bollbrücke gehen.
Dort sollte es zwei Verse des Chorals Jesus, meine Zuversicht beten. Und zwar nicht nur normal, sondern zunächst vorwärts und anschließend rückwärts.
Durch diese Handlung sollte die verdammte Seele der schwarzen Frau erlöst werden.
Ob das Mädchen diesen nächtlichen Weg tatsächlich antrat, lässt sich aus dem heute verifizierten Quellenstand nicht als historisches Ereignis bestätigen. Sicher ist nur, dass Haas genau dieses Erlösungsmotiv in seiner 1904 veröffentlichten Geschichte wiedergibt.
Ein Tuch, Donner und schwefelgelbe Flammen
Die wohl dramatischste Szene der Überlieferung spielt bei einer weiteren Begegnung zwischen dem Mädchen und der schwarzen Frau.
Das Mädchen soll der Erscheinung nicht die bloße Hand gereicht haben, sondern stattdessen ein ungesäumtes Tuch.
Nach der Erzählung ging dieses Tuch unter Donner in einer schwefelgelben Flamme auf. Das Mädchen brach zusammen, während die Erscheinung verschwand.
Das ist der Punkt, an dem die Geschichte endgültig zur Geistererzählung wird. Für Donner, Flamme oder eine übernatürliche Erscheinung gibt es keinen unabhängig bestätigten Nachweis.
Was wissen wir über die Quellen des Spuks?
Alfred Haas nahm die Geschichte 1904 in seine Sammlung Sagen und Erzählungen von den Inseln Usedom und Wollin auf. Sie steht dort als Nr. 99 unter dem Titel Das Spukmädchen von Gumlin.
Besonders interessant ist sein Quellenhinweis. Haas schreibt, seine Darstellung beruhe auf gleichzeitigen Zeitungsberichten. Damit behauptet er, dass der Fall bereits zur Zeit des Geschehens öffentlich berichtet wurde.
Genau hier endet derzeit allerdings unsere sichere Quellenkette. Trotz gezielter Suche konnte bislang keine konkrete Zeitung und keine eindeutig zugehörige Ausgabe von 1896 identifiziert und direkt geprüft werden.
„Der Spuk von Gumlin“ wurde schnell zum Theaterstoff
Besonders ungewöhnlich ist, wie schnell sich die Geschichte offenbar weiterverbreitete. Haas berichtet, dass eine damals in Usedom und Swinemünde gastierende Theatergesellschaft den Stoff aufgriff.
Das Stück trug den Titel Der Spuk von Gumlin.
Damit haben wir keinen jahrhundertealten Sagenstoff, dessen Entstehung sich im Dunkel verliert. Beim Gummliner Spuk lässt sich vielmehr beobachten, wie Ende des 19. Jahrhunderts aus einem angeblich aktuellen Ereignis in kurzer Zeit eine öffentlich erzählte Geschichte und sogar Bühnenunterhaltung wurde.
Der Spuk von Gummlin ist anders als Vineta oder die Lindwürmer
Viele Geschichten in unserem Usedomer Sagencluster lassen sich bereits im frühen 19. Jahrhundert nachweisen oder besitzen noch ältere Überlieferungsspuren.
Beim Gummliner Spuk ist die Situation anders. Haas datiert das vermeintliche Ereignis konkret auf 1896. Seine Sammlung erschien nur acht Jahre später.
Deshalb sollte die Geschichte nicht als jahrhundertealte Volkssage präsentiert werden. Sie ist vielmehr ein ungewöhnlich gut datierbares Beispiel dafür, wie ein aktueller Spukbericht zur lokalen Legende werden konnte.
Keine alte Ursprungszeit
Das geschilderte Ereignis wird konkret auf das Jahr 1896 datiert.
Schnelle Verbreitung
Haas verweist auf damalige Zeitungsberichte und eine zeitnahe Theaterbearbeitung.
Übernatürliches offen
Dass tatsächlich eine schwarze Frau erschien, ist nicht unabhängig belegt.
Legendenbildung greifbar
Die Überlieferung zeigt, wie schnell aus einem angeblichen Ereignis eine erzählte Geschichte werden konnte.
Was ist beim Spuk von Gummlin belegt?
Warum die Gegend zwischen Korswandt und Swinemünde häufiger auftaucht
Die Bollbrücke und die dortigen Eichen tauchen nicht nur beim Gummliner Spuk auf. Haas dokumentierte aus dem Raum zwischen Swinemünde und Korswandt weitere unheimliche Überlieferungen.
Dazu gehört die eigenständige Geschichte von den sieben Eichen. Der Bereich galt nach der mündlichen Überlieferung als unheimlich und wurde nach Einbruch der Dunkelheit gemieden.
Das macht die Gegend zu einem kleinen historischen Spukcluster. Die einzelnen Geschichten sollten aber weiterhin getrennt bleiben.
Fragen zum Spuk von Gummlin
Alfred Haas datiert das von ihm überlieferte Spukereignis auf das Jahr 1896.
Nach Haas soll ein junges Mädchen, das bei einem Bauern in Gummlin beschäftigt war, der schwarzen Frau wiederholt begegnet sein.
Sie verlangte nach der Überlieferung, dass das Mädchen an einem Sonntag um Mitternacht zur Bollbrücke bei den drei Eichen gehe und dort zwei Choralverse vorwärts und rückwärts bete, um ihre Seele zu erlösen.
Die Überlieferung meint die Bollbrücke nahe Swinemünde im Bereich zwischen Swinemünde und Korswandt. Sie darf nicht mit einem gleichnamigen historischen Ort auf dem Gnitz verwechselt werden.
Haas schreibt 1904, seine Darstellung beruhe auf gleichzeitigen Zeitungsberichten. Welche konkrete Zeitung und welche Ausgaben er damit meinte, konnte bislang nicht verifiziert werden.
Haas berichtet, dass eine damals in Usedom und Swinemünde gastierende Theatergesellschaft den Stoff unter dem Titel „Der Spuk von Gumlin“ aufgriff.
Nicht im gleichen Sinn wie wesentlich ältere Usedomer Sagen. Der Stoff wird konkret auf 1896 datiert und bereits 1904 von Haas dokumentiert. Er ist eher ein Beispiel für schnelle lokale Legendenbildung.
Beim Gummliner Spuk können wir fast dabei zusehen, wie eine Legende entsteht
Die schwarze Frau, die nächtliche Bollbrücke, zwei rückwärts zu betende Choralverse und ein Tuch, das in schwefelgelber Flamme aufgeht: An dramatischen Motiven mangelt es dieser Geschichte wirklich nicht.
Noch interessanter ist aber ihr Alter. Haas datiert den Fall auf 1896 und veröffentlichte ihn bereits 1904. Er verweist auf zeitgenössische Zeitungsberichte und sogar auf eine rasche Theaterbearbeitung.
Ob in Gummlin tatsächlich etwas Übernatürliches geschah, wissen wir nicht. Was sich sehr gut erkennen lässt, ist der Weg vom angeblichen Ereignis zur erzählten lokalen Legende.