Die verwunschene Prinzessin im Golm
Eine alte Usedomer Sage in mehreren rätselhaften Varianten.
Die verwunschene Prinzessin im Golm
Im Golm bei Kamminke soll eine verwunschene Prinzessin auf ihre Erlösung gewartet haben. Mal erscheint sie als geheimnisvolle Frau, mal wird von Purpur, einem Sonntagskind oder sogar einer Hirschkuh erzählt. Hinter diesen Motiven steckt keine einzelne feste Geschichte, sondern ein alter Usedomer Sagenkomplex mit mehreren Varianten.
Eine Prinzessin wartet im Golm auf Erlösung
Der Kern der Sage ist schnell erzählt: Im Golm lebt oder erscheint eine verwunschene Prinzessin, die aus ihrem Zustand erlöst werden könnte. Wie diese Erlösung gelingen soll und in welcher Gestalt die Prinzessin erscheint, unterscheidet sich allerdings je nach Fassung.
Genau das macht die Geschichte interessant. Es gibt nicht die eine verbindliche Version, die irgendwann festgeschrieben wurde. Stattdessen begegnen uns verschiedene Motive, die offenbar über längere Zeit weitererzählt und verändert wurden.
Zu diesen Motiven gehören ein Sonntagskind, eine geheimnisvolle Frau, Purpur und schließlich sogar die Verwandlung in eine Hirschkuh. In weiteren Überlieferungen erscheint eine schwarze Frau auf dem Golm oder jungen Menschen begegnet eine rätselhafte Gestalt.
Warum ausgerechnet der Golm zum Sagenort wurde
Der Golm liegt bei Kamminke im Südosten Usedoms. Er ist die höchste Erhebung der Insel und hebt sich damit deutlich aus der Landschaft am Stettiner Haff heraus.
Dass auffällige Berge, Wälder, Findlinge und alte Landschaftsformen zu Schauplätzen von Sagen wurden, ist nicht ungewöhnlich. Beim Golm lässt sich zumindest sicher sagen: Die Verbindung zwischen diesem konkreten Ort und der Prinzessinnensage ist alt überliefert.
Ob sich hinter der Geschichte ein bestimmtes historisches Ereignis, eine reale Person oder ein älterer lokaler Glauben verbirgt, lässt sich aus der bisherigen Quellenlage dagegen nicht sicher ableiten.
Temme dokumentierte die Sage bereits 1840
Eine frühe verifizierte Druckquelle ist Johann D. H. Temmes Die Volkssagen von Pommern und Rügen aus dem Jahr 1840. Damit gehört die Geschichte nicht zu den modernen touristischen Erfindungen, die erst viel später mit einem Ort verbunden wurden.
Temmes Sammlung ist für mehrere Usedomer Sagen wichtig. Sie zeigt, welche Geschichten spätestens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits als lokale Überlieferung bekannt waren.
Wie bei allen alten Sagen gilt aber auch hier: 1840 ist die früheste bisher verifizierte Druckquelle, nicht zwingend der tatsächliche Beginn der Erzählung. Sie kann vorher bereits mündlich verbreitet gewesen sein.
Prinzessin, schwarze Frau, Sonntagskind und Hirschkuh
Im Laufe der Überlieferung begegnet die Geschichte in unterschiedlichen Formen. Manche Motive passen zueinander, andere wirken fast wie eigenständige Erzählungen rund um denselben Ort.
Deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn heute eine besonders ausführliche Version als „die alte Sage vom Golm“ erzählt wird. Häufig steckt dahinter bereits eine Zusammenfassung mehrerer Fassungen.
Die Prinzessin
Der zentrale Stoff erzählt von einer verwunschenen Prinzessin, die mit dem Golm verbunden ist und auf Erlösung wartet.
Das Sonntagskind
In einer Variante spielt ein Sonntagskind eine besondere Rolle bei der möglichen Erlösung der verwunschenen Gestalt.
Die schwarze Frau
Spätere Überlieferungen kennen eine geheimnisvolle schwarze Frau, die auf dem Golm erscheint.
Die Hirschkuh
Eine weitere Fassung verbindet den Sagenstoff mit der Verwandlung der verwunschenen Gestalt in eine Hirschkuh.
Auch Motive wie Purpur, ein Milchmädchen und Erscheinungen vor jungen Menschen gehören zum größeren Überlieferungskomplex. Sie sollten jedoch nicht so erzählt werden, als stammten sämtliche Einzelheiten aus derselben ursprünglichen Fassung.
Warum die Prinzessin überhaupt erlöst werden muss
Das Motiv einer verwunschenen Gestalt, die nur unter bestimmten Bedingungen erlöst werden kann, begegnet in vielen europäischen Sagen. Auch am Golm steht dieses Erlösungsmotiv im Mittelpunkt mehrerer Varianten.
Für die Usedomer Überlieferung ist dabei nicht entscheidend, eine allgemeine Erklärung über solche Sagen zu konstruieren. Interessanter ist, wie das Motiv konkret an den Golm gebunden wurde: Eine rätselhafte Frau oder Prinzessin erscheint an einem realen Ort und die Begegnung mit bestimmten Menschen entscheidet darüber, ob der Bann gebrochen werden kann.
In einer Fassung spielt dabei das Sonntagskind eine besondere Rolle. Auch bei anderen Usedomer Sagen begegnet dieses Motiv. Es zeigt, wie ähnliche Vorstellungen in unterschiedlichen lokalen Geschichten auftauchen konnten.
Was ist an der Prinzessin im Golm historisch belegt?
Die alte Sage und die heutige Bedeutung des Golm gehören getrennt
Wer heute vom Golm spricht, denkt verständlicherweise nicht zuerst an eine Prinzessinnensage. Der Ort ist eng mit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere mit den Ereignissen des Jahres 1945 verbunden.
Auf dem Golm befindet sich heute eine bedeutende Kriegsgräber- und Gedenkstätte. Dort ruhen mehrere Tausend Menschen. Viele von ihnen starben im Zusammenhang mit dem schweren Luftangriff auf Swinemünde am 12. März 1945. Der Golm ist deshalb heute vor allem ein Ort des Erinnerns und Gedenkens.
Diese Geschichte liegt rund ein Jahrhundert nach Temmes Druckbeleg der alten Sage und hat mit der verwunschenen Prinzessin keinen historischen Zusammenhang. Beide Ebenen sollten nicht miteinander vermischt werden.
Wenn Du den heutigen Golm und seine Geschichte kennenlernen möchtest, findest Du auf der Seite Kamminke auf Usedom weitere Informationen zur Lage und zum Umfeld.
Welche Version der Geschichte ist die richtige?
Diese Frage führt bei alten Sagen oft in die falsche Richtung. Eine Sage funktioniert nicht wie ein Roman mit einem Autor und einer endgültigen Ausgabe. Sie kann mündlich weitererzählt, gekürzt, erweitert und mit anderen Motiven verbunden werden.
Gerade beim Golm sind die Unterschiede deshalb wertvoll. Sie zeigen, dass der Sagenstoff offenbar lange genug lebendig war, um unterschiedliche Formen anzunehmen.
Für die Quellenarbeit ist wichtig, diese Varianten einzeln zu betrachten. Eine schwarze Frau aus einer späteren Fassung darf nicht automatisch in Temmes ältere Version eingebaut werden, wenn sie dort nicht vorkommt. Dasselbe gilt für Purpur, Milchmädchen, Hirschkuh und andere Einzelmotive.
Fragen zur verwunschenen Prinzessin im Golm
Eine reale verwunschene Prinzessin ist nicht historisch belegt. Belegt ist dagegen, dass die Sage seit mindestens dem 19. Jahrhundert mit dem Golm verbunden überliefert wurde.
Eine frühe bisher verifizierte Druckquelle ist Johann D. H. Temmes Sammlung „Die Volkssagen von Pommern und Rügen“ aus dem Jahr 1840.
Der Sagenstoff wurde in unterschiedlichen Fassungen weitergegeben. Dabei wechselten einzelne Motive und Erscheinungsformen, während der Golm als Schauplatz erhalten blieb.
Die schwarze Frau gehört zu später überlieferten Varianten des Sagenkomplexes am Golm. Sie sollte nicht automatisch mit jeder älteren Fassung gleichgesetzt werden.
In einer Variante ist ein Sonntagskind mit der möglichen Erlösung der verwunschenen Gestalt verbunden. Das Sonntagskind ist auch aus anderen Sagen als besonderes Erlösungsmotiv bekannt.
Der Golm liegt bei Kamminke im Südosten Usedoms nahe der polnischen Grenze und unweit von Swinemünde.
Nein. Die Prinzessinnensage ist wesentlich älter. Die heutige Bedeutung des Golm als Kriegsgräber- und Gedenkstätte hängt mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und besonders mit dem Jahr 1945 zusammen.
Am Golm ist nicht eine Version spannend, sondern die ganze Überlieferung
Die verwunschene Prinzessin im Golm ist keine moderne Erfindung. Die Geschichte lässt sich mindestens bis zu Temmes Sagensammlung von 1840 zurückverfolgen.
Besonders interessant sind die unterschiedlichen Fassungen. Prinzessin, schwarze Frau, Sonntagskind, Purpur und Hirschkuh zeigen, wie sehr sich eine lokale Sage verändern kann, während ihr Schauplatz derselbe bleibt.
Historisch belegt ist diese Überlieferung. Übernatürliche Erscheinungen oder eine reale verwunschene Prinzessin sind es nicht. Und wer den Golm heute besucht, sollte zugleich wissen, dass der Ort inzwischen eine ganz andere, reale und schwere Bedeutung trägt.