Vineta auf Usedom
Versunkene Stadt, alte Sage und offene Spurensuche.
Vineta auf Usedom - zwischen Sage und Geschichte
Eine reiche Stadt verschwindet im Meer, ihre Glocken sollen noch immer aus der Tiefe klingen und nur ein Sonntagskind könnte sie erlösen. Die Sage von Vineta gehört zu den bekanntesten Geschichten Usedoms. Hinter ihr steckt aber mehr als eine schöne Untergangserzählung: mittelalterliche Berichte, ein tatsächlich bedeutender Handelsplatz bei Wolin und eine bis heute ungeklärte Frage nach der Verbindung zwischen Sage und Geschichte.
Wie Vineta im Meer versunken sein soll
Vineta wird in der Sage als außergewöhnlich reiche Stadt beschrieben. Doch Reichtum und Überfluss gehen mit Hochmut und Verschwendung einher. Die Warnungen vor dem drohenden Untergang werden nicht ernst genommen. Schließlich verschwindet die Stadt im Meer.
In der besonders mit Koserow verbundenen Überlieferung ist Vineta allerdings nicht für immer verloren. Zu bestimmten Zeiten soll die versunkene Stadt wieder sichtbar werden. Aus dem Meer sollen ihre Glocken zu hören sein.
Ein wichtiges Motiv ist das Sonntagskind. Der Sage nach kann ein solches Kind die Stadt sehen und hätte die Möglichkeit, Vineta zu erlösen. Dazu müsste es den Bewohnern etwas abkaufen. Gelingt das nicht, verschwindet die Stadt erneut in der Tiefe.
Warum Vineta auf Usedom so eng mit Koserow verbunden ist
Wer heute auf Usedom nach Vineta sucht, landet fast zwangsläufig in Koserow. Die Überlieferung verortet die versunkene Stadt traditionell vor der dortigen Ostseeküste. Besonders der Bereich um den Streckelsberg und das frühere Damerow wurde über Jahrhunderte mit Vineta in Verbindung gebracht.
Dazu passte ein Riff vor der Küste, das früher als möglicher Rest der untergegangenen Stadt gedeutet wurde. Heute werden die dortigen Steinstrukturen geologisch erklärt. Ein tatsächlicher Nachweis für Mauerreste einer versunkenen Großstadt ist daraus nicht geworden.
Auch ein aus dem Meer geborgenes Holzkreuz wurde mit Vineta verbunden. Das sogenannte Vinetakreuz befindet sich in der Koserower Kirche. Seine Existenz ist real, eine Herkunft aus der sagenhaften Stadt Vineta ist dagegen nicht belegt.

Die Vineta-Sage ist keine moderne Tourismusgeschichte
Die Verbindung Usedoms mit Vineta ist deutlich älter als der heutige Inselurlaub. Eine frühe von mir verifizierte Druckquelle ist Johann D. H. Temmes Sammlung Die Volkssagen von Pommern und Rügen aus dem Jahr 1840.
Damit ist sicher: Die Vineta-Geschichte war spätestens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Sagenstoff schriftlich dokumentiert. Das bedeutet allerdings nicht, dass Temme die Geschichte erfunden hat oder dass 1840 ihr tatsächlicher Ursprung liegt. Die Überlieferung ist älter.
Auch C. H. F. Koch widmete Vineta in seinem Buch Das Seebad Coserow auf Usedom von 1867 einen umfangreichen Abschnitt. Schon die Gliederung trennt dort ausdrücklich zwischen Vinetasage und historischen Zeugnissen. Die Frage, was Sage und was Geschichte ist, beschäftigte also bereits Autoren des 19. Jahrhunderts.
Was Adam von Bremen mit Vineta zu tun hat
Jetzt wird es komplizierter. Denn lange bevor Temme die Vineta-Sage aufschrieb, berichtete Adam von Bremen im 11. Jahrhundert von einer bedeutenden Stadt namens Jumne im Bereich der Odermündung.
Er beschrieb Jumne als außergewöhnlich großen und wichtigen Handelsplatz, an dem Menschen verschiedener Herkunft zusammentrafen und Waren gehandelt wurden. Dieser mittelalterliche Bericht ist einer der Gründe, warum die Vineta-Frage nicht einfach als reine Fantasiegeschichte abgehakt werden kann.
In späteren Quellen und Diskussionen begegnen unterschiedliche Namen wie Jumne, Julin und schließlich Vineta. Genau an diesem Punkt beginnt allerdings das Problem: Dass sich mehrere historische und sagenhafte Namen aufeinander beziehen lassen, bedeutet noch nicht automatisch, dass sie alle denselben Ort bezeichnen.
Wolin: Die Stadt, die tatsächlich existierte
Während sich vor Koserow bislang keine versunkene mittelalterliche Großstadt nachweisen ließ, sieht die Lage auf der benachbarten Insel Wolin ganz anders aus. Dort ist archäologisch ein bedeutendes frühmittelalterliches Handelszentrum nachgewiesen.
Die Stadt Wolin wurde in historischen Zusammenhängen mit Namen wie Julin oder Jumne verbunden. Archäologische Untersuchungen brachten unter anderem Spuren von Handwerk, Besiedlung und Hafenanlagen ans Licht. Dass hier vor rund tausend Jahren ein wichtiger Handelsplatz existierte, ist keine Sage.
Damit besitzt die Vineta-Geschichte einen bemerkenswert starken historischen Hintergrund. Was daraus jedoch nicht folgt: Dass Wolin damit zweifelsfrei als Vineta identifiziert wäre. Genau diese Gleichsetzung bleibt umstritten beziehungsweise offen.
Historisch belegt
Im Bereich des heutigen Wolin existierte ein bedeutender frühmittelalterlicher Handelsplatz.
Historisch beschrieben
Mittelalterliche Quellen berichten von einem bedeutenden Ort namens Jumne im Raum der Odermündung.
Nicht bewiesen
Dass das archäologisch erforschte Wolin eindeutig mit dem sagenhaften Vineta identisch ist.
Ebenfalls nicht bewiesen
Dass vor Koserow eine große mittelalterliche Stadt im Meer versank.
Wurde Vineta gefunden?
Die kurze Antwort lautet: Nein, zumindest nicht in dem Sinn, dass die Suche eindeutig abgeschlossen wäre.
Archäologisch ist ein großer frühmittelalterlicher Handelsplatz auf Wolin gut belegt. Dieser Befund passt zu Teilen der alten Berichte über Jumne beziehungsweise Julin und macht Wolin zu einem sehr wichtigen Kandidaten in der historischen Vineta-Diskussion.
Was dagegen fehlt, ist der eindeutige Beweis, dass dieser Handelsplatz tatsächlich das Vineta der späteren Überlieferung war. Ebenso fehlt ein archäologischer Nachweis für eine große versunkene Stadt unmittelbar vor Koserow.
Als 1895 plötzlich echte Glocken auftauchten
Wie stark der Vineta-Mythos bereits im 19. Jahrhundert wirkte, zeigt ein bemerkenswertes Ereignis aus Swinemünde. Bei Hafenarbeiten wurden dort 1895 zwei alte Kirchenglocken ausgebaggert.
Der Fund war real. Die Erklärung folgte offenbar ziemlich schnell: In Swinemünde verbreitete sich nach Alfred Haas die Nachricht, es handele sich um die Glocken der versunkenen Stadt Vineta.
Gerade dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie eine Sage weiterlebt. Es taucht etwas Außergewöhnliches auf und eine bekannte Geschichte liefert sofort die passende Erklärung. Dass die gefundenen Glocken tatsächlich aus Vineta stammten, ist damit natürlich nicht bewiesen.
Wo Dir Vineta auf Usedom heute begegnet
Vineta ist auf Usedom längst mehr als eine alte Geschichte in einem Sagenbuch. Besonders in Koserow begegnet Dir der Mythos an mehreren Stellen. Dazu gehören das Vineta-Denkmal, die Küste am Streckelsberg und das Vinetakreuz in der Koserower Kirche.
Auch in Zinnowitz lebt der Stoff weiter. Dort greifen die VINETA-Festspiele die versunkene Stadt als Freilichttheater immer wieder neu auf. Das ist moderne Kultur und keine historische Quelle für die Sage, zeigt aber, wie lebendig Vineta bis heute geblieben ist.
Der Streckelsberg als Kulisse für Vineta
Der bewaldete Streckelsberg gehört zu den markantesten Punkten an der Koserower Küste. Von hier blickst Du weit über die Ostsee. Genau diese Küstenlandschaft ist seit langer Zeit eng mit der Vineta-Tradition verbunden.
Der Berg selbst beweist natürlich nichts über eine versunkene Stadt. Er zeigt aber sehr gut, warum die Vineta-Sage auf Usedom bis heute einen konkreten Schauplatz besitzt. Man steht nicht vor einem abstrakten Mythos, sondern an genau jener Küste, an der die Geschichte seit Generationen verortet wird.

Fragen zu Vineta auf Usedom
Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Ein bedeutender frühmittelalterlicher Handelsplatz bei Wolin ist historisch und archäologisch belegt. Ob dieser Ort mit dem sagenhaften Vineta identisch ist, bleibt offen.
Die Usedomer Sage und eine lange historische Tradition verorten Vineta vor der Küste von Koserow und Damerow. Archäologisch ist dort bislang jedoch keine versunkene mittelalterliche Großstadt nachgewiesen.
Auf Wolin ist ein bedeutendes frühmittelalterliches Handelszentrum archäologisch belegt. Der Ort wird mit historischen Namen wie Jumne und Julin verbunden und spielt deshalb eine wichtige Rolle bei der Suche nach einem möglichen historischen Kern der Vineta-Überlieferung.
Die Glocken unter dem Meer gehören zur Sage. Einen historischen oder naturwissenschaftlichen Nachweis für Glocken der versunkenen Stadt vor Koserow gibt es nicht.
Eine von uns direkt verifizierte frühe Druckquelle ist J. D. H. Temmes Sagensammlung von 1840. Die Vineta-Tradition selbst reicht deutlich weiter zurück und verbindet sich mit wesentlich älteren historischen Berichten.
Zu den sichtbaren Vineta-Bezügen gehören das Vineta-Denkmal, das Vinetakreuz in der Koserower Kirche sowie die Küstenlandschaft rund um den Streckelsberg, die eng mit der Überlieferung verbunden ist.
Vineta bleibt spannend, gerade weil die Geschichte nicht vollständig gelöst ist
Die Vorstellung einer reichen Stadt, die vor Koserow im Meer versank und deren Glocken noch heute aus der Tiefe klingen, gehört klar in die Welt der Sage. Eine solche Stadt ist vor der Koserower Küste bislang nicht nachgewiesen.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, Vineta deshalb als reine Fantasie abzutun. Im Raum der Odermündung existierte tatsächlich ein bedeutendes frühmittelalterliches Handelszentrum. Wolin, Jumne und Julin gehören deshalb zu einer ernsthaften historischen Spurensuche.
Ob diese Geschichte irgendwann eindeutig mit Vineta verbunden werden kann, bleibt offen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Mythos seit Jahrhunderten nicht verschwunden ist.
Mehr über Koserow und Usedoms Sagen
Vineta ist der bekannteste Mythos der Insel. Rund um Koserow und auf Usedom warten aber noch einige weitere Geschichten.