Die Wilde Jagd bei Ulrichshorst
Sausen, Hufschläge und eine wilde Meute im nächtlichen Wald.
Die Wilde Jagd bei Ulrichshorst - warum man nachts besser in der Mitte des Weges blieb
Östlich von Ulrichshorst soll nach alter Überlieferung die Wilde Jagd durch den Wald gezogen sein. Wer nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs war, hörte Sausen, Peitschenknallen, Hufschläge und eine heranbrausende Meute. Es gab allerdings einen erstaunlich einfachen Rat: immer schön in der Mitte des Weges bleiben.
Wenn es plötzlich im Wald sauste und brauste
Die Geschichte spielt in einem Wald östlich von Ulrichshorst. Dort soll nach der Überlieferung die Wilde Jagd gehaust haben.
Wer nach Einbruch der Dunkelheit durch diesen Wald musste, hatte der Sage nach einiges zu erwarten. Das Herannahen der Wilden Jagd kündigte sich nicht gerade unauffällig an: Es soll stark gesaust und gebraust haben, Äste bogen sich bis zum Boden, dazu kamen lautes Rufen, Peitschenknallen und Hufschläge.
Hinter diesem Lärm folgte eine Meute. Wer ihr begegnete, sollte allerdings nicht panisch vom Weg springen. Genau das wäre nach der Sage die falsche Entscheidung gewesen.
„Holl den Middelweg“
Das auffälligste Motiv der Ulrichshorster Fassung ist ein Warnruf des Anführers der Wilden Jagd. Haas überliefert ihn in Mundart als:
Sinngemäß: Halte dich in der Mitte des Weges.
Wer auf der Mitte des Fahrweges blieb, sollte von der Wilden Jagd verschont werden. Der Rand des Weges war dagegen offenbar die schlechtere Wahl.
Damit besitzt die Sage eine ungewöhnlich klare Handlungsanweisung. Falls also irgendwann nachts im Wald Peitschen knallen, Äste bis zum Boden schlagen und eine unsichtbare Hundemeute näher kommt, hatte die Ulrichshorster Überlieferung zumindest einen ziemlich konkreten Plan.
Wo spielt die Wilde Jagd bei Ulrichshorst?
Haas macht die Ortsangabe ungewöhnlich deutlich. Er schreibt vom östlich von Ulrichshorst gelegenen Wald. Damit ist der Usedom-Bezug dieser Fassung eindeutig.
Ulrichshorst gehört heute zur Gemeinde Korswandt im südöstlichen Teil der Insel. Die Umgebung ist von Wald und der Landschaft rund um das Thurbruch geprägt.
Einen ganz bestimmten Baum, Wegabschnitt oder historischen „Startpunkt“ der Wilden Jagd nennt die geprüfte Quelle dagegen nicht. Es wäre deshalb falsch, heute irgendeine Stelle im Wald zum angeblich exakten Sagenort zu erklären.
Alfred Haas dokumentierte die Geschichte 1904
Die direkt geprüfte Quelle ist Alfred Haas' Sagen und Erzählungen von den Inseln Usedom und Wollin, erschienen 1904 in Stettin.
Die Geschichte steht im Abschnitt Götter und Dämonen als Nr. 7 unter dem Titel Warum man auf der Landstraße stets den Mittelweg halten muß.
Besonders wertvoll ist der Quellenhinweis am Ende der Fassung. Haas kennzeichnet sie ausdrücklich als „Mündlich aus Ulrichshorst.“ Er gibt also nicht vor, die Geschichte aus einem älteren Buch übernommen zu haben, sondern dokumentiert sie als lokale mündliche Überlieferung.
Ein Schäfer und der Mittelbolzen des Weges
Direkt nach der Ulrichshorster Fassung druckt Haas eine zweite Geschichte mit einem sehr ähnlichen Motiv.
Darin hört ein Schäfer nachts ein unheimliches Geräusch. Ein Ruf warnt ihn, auf den Mittelbolzen des Weges zu treten, damit ihn die Hunde nicht beißen. Kurz darauf braust die Wilde Jagd dicht an ihm vorbei.
Auch hier schützt also die Mitte des Weges vor der heranstürmenden Meute. Der Stoff passt damit sehr gut zur Ulrichshorster Fassung.
Haas kennzeichnet diese zweite Überlieferung allerdings als „Mündlich aus Neuendorf.“ Und genau hier müssen wir vorsichtig bleiben: Welches der mehreren Neuendorf damit gemeint ist, konnte in der bisherigen Recherche nicht eindeutig geklärt werden.
Ist das dieselbe Sage wie „Die Wilde Jagd im Thurbruch“?
Spätere Sammlungen verwenden den Titel Die Wilde Jagd im Thurbruch. Weil Ulrichshorst unmittelbar mit der Thurbruchlandschaft verbunden ist, liegt ein Zusammenhang nahe.
Trotzdem dürfen wir beide Bezeichnungen derzeit nicht einfach gleichsetzen. In der direkt geprüften Haas-Fassung von 1904 steht ausdrücklich nur der Wald östlich von Ulrichshorst. Das Wort Thurbruch verwendet Haas an dieser Stelle nicht.
Solange die Quellenkette der späteren Fassung nicht vollständig nachvollzogen ist, bleibt deshalb die sauberste Bezeichnung für unsere Seite Wilde Jagd bei Ulrichshorst.
Direkt verifiziert
Haas 1904: Wald östlich von Ulrichshorst, mündlich aus Ulrichshorst.
Noch nicht gleichsetzen
Der spätere Titel Wilde Jagd im Thurbruch ist quellenmäßig noch nicht eindeutig mit Haas' Fassung verbunden.
Was ist die Wilde Jagd?
Die Wilde Jagd ist ein weit verbreiteter Sagenstoff, der nicht nur auf Usedom vorkommt. In unterschiedlichen Regionen Europas wurden nächtliche Geisterzüge, wilde Reiter, Hunde und unheimliche Geräusche mit diesem Motiv verbunden.
Für unsere Usedomer Seite ist aber nicht entscheidend, sämtliche europäischen Varianten zusammenzufassen. Interessant ist die lokale Besonderheit: Haas dokumentiert eine konkrete Fassung aus Ulrichshorst mit einem klar benannten Wald, einer Hundemeute und dem charakteristischen Rat, den Mittelweg zu halten.
Damit ist die Usedomer Geschichte keine bloße Übernahme eines allgemeinen Begriffs. Sie besitzt eine eigene lokale Überlieferung.
Was ist bei der Wilden Jagd von Ulrichshorst belegt?
Die Wilde Jagd ist nicht die einzige Sage aus Ulrichshorst
Bei der Quellenarbeit ist noch eine weitere bemerkenswerte Geschichte aus Ulrichshorst aufgetaucht. Haas überliefert 1904 einen Mann, der der Sage nach seinen eigenen Leichenzug gesehen haben soll.
Außerdem existiert eine spätere Namenssage, nach der ein Junge namens Ulrich von einem Adler in dessen Horst getragen worden sei und daraus der Name Ulrichshorst entstanden sein soll.
Diese Geschichten gehören nicht in die Wilde Jagd hinein. Sie zeigen aber, dass Ulrichshorst innerhalb des Usedomer Sagenregisters ein kleiner eigener Erzählort ist. Für die bestehende Ortsseite beziehungsweise eine spätere regionale Sammlung sind sie deshalb sehr interessant.
Kannst Du den Schauplatz heute besuchen?
Ulrichshorst und die umliegende Waldlandschaft sind natürlich real. Einen einzelnen als historisch belegt ausgewiesenen „Wilde-Jagd-Weg“ gibt es aus unserer Quellenlage aber nicht.
Wer die Gegend kennenlernen möchte, kann sich über die bestehende Seite zu Korswandt und Ulrichshorst orientieren.
Die Sage ist dabei eher eine zusätzliche Ebene zur Landschaft als eine klassische Sehenswürdigkeit. Man besucht keinen erhaltenen Geisterzug, sondern einen realen Ort, an dem Menschen vor mehr als hundert Jahren noch von der Wilden Jagd erzählten.
Fragen zur Wilden Jagd bei Ulrichshorst
Ja. Alfred Haas veröffentlichte 1904 eine ausdrücklich als „Mündlich aus Ulrichshorst“ gekennzeichnete Fassung der Wilden Jagd.
Haas nennt ausdrücklich einen östlich von Ulrichshorst gelegenen Wald. Einen genauer bestimmbaren einzelnen Weg oder Ort nennt die Quelle nicht.
Der mundartliche Warnruf bedeutet sinngemäß „Halte dich in der Mitte des Weges“. Wer dort blieb, sollte nach der Sage von der Wilden Jagd verschont werden.
Die Überlieferung nennt starkes Sausen und Brausen, sich biegende Äste, Rufe, Peitschenknallen, Hufschläge und eine nachfolgende Meute.
Das ist bislang nicht sicher belegt. Haas 1904 nennt den Wald östlich von Ulrichshorst, aber nicht ausdrücklich das Thurbruch. Die Quellenverbindung zum späteren Titel „Wilde Jagd im Thurbruch“ ist noch zu prüfen.
Ja. Haas druckt unmittelbar anschließend eine ähnliche Begegnung eines Schäfers und kennzeichnet sie als „Mündlich aus Neuendorf“. Welches Neuendorf gemeint ist, ist bislang nicht eindeutig geklärt.
Nein übernatürliches Ereignis ist historisch belegt. Belegt ist die lokale mündliche Überlieferung, die Haas 1904 dokumentierte.
Eine einfache Regel für eine ziemlich unheimliche Nacht
Die Wilde Jagd bei Ulrichshorst gehört zu den Usedomer Sagen, die schon mit wenigen Motiven funktionieren: dunkler Wald, plötzliches Brausen, Hufschläge, eine Hundemeute und ein Warnruf.
Besonders stark ist die Quellenlage. Haas dokumentierte die Geschichte 1904 direkt als mündliche Überlieferung aus Ulrichshorst. Damit wissen wir nicht, ob jemals eine Geisterjagd durch den Wald raste. Wir wissen aber sehr wohl, dass Menschen dort diese Geschichte erzählten.
Und falls man der Sage doch glauben möchte, ist die wichtigste Regel immerhin leicht zu merken: nicht rechts, nicht links. Mittelweg.