DDR-Grenzdienststelle Garz an der B110
Wer heute auf der B110 von Garz in Richtung Świnoujście fährt, kommt kurz vor der Grenze an einem stark verfallenen Gebäudekomplex vorbei. Das Gelände wird heute meist als alte Grenzkaserne bei Garz bezeichnet. Seine Geschichte ist allerdings komplizierter, denn in Quellen tauchen dafür unterschiedliche Bezeichnungen und Ortszuordnungen auf.
Presseberichte sprechen von der „Grenzkompanie Garz“, ein Zeitzeuge von der „Grenzkompanie Kamminke“ und eine Bundestagsdrucksache nennt einen „ehemaligen Grenzkontrollpunkt zu Polen“. Diese Bezeichnungen lassen sich nicht einfach gleichsetzen. Genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf den Standort.
Die alte Grenzkaserne bei Garz
Der Gebäudekomplex liegt an der heutigen B110 östlich von Garz und nur wenige Minuten vom Grenzübergang nach Polen entfernt. Von der Straße aus fällt vor allem das große, inzwischen stark verfallene Hauptgebäude auf.
Die Bezeichnung Grenzkaserne Garz ist heute geläufig und wird auch in einem aktuellen Immobilienangebot verwendet. Sie hilft bei der geografischen Einordnung, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die historische Organisationsstruktur komplizierter war.

Was war die Anlage an der B110?
Sicher ist, dass das Gelände in Zusammenhang mit der Sicherung der deutsch-polnischen Grenze stand und als Unterkunfts- und Dienststandort genutzt wurde. Die Ostsee-Zeitung bezeichnete das Gelände 2024 als „Grenzkompanie Garz“ und dokumentierte unter anderem das Hauptgebäude, ein separates Wohnhaus sowie weitere Nebengebäude.
Für das Hauptgebäude nennt der Bericht eine konkrete Nutzung: Dort befanden sich die Schlafräume. Damit lässt sich der Bau zumindest eindeutig als Unterkunftsgebäude innerhalb des militärischen beziehungsweise grenzdienstlichen Standortes einordnen.
Eine Bundestagsdrucksache aus dem Jahr 2018 führt außerdem eine ehemalige Bundesliegenschaft mit der Bezeichnung „Garz, ehem. Grenzkontrollpunkt zu Polen“. Diese Angabe belegt einen früheren Grenzkontrollpunkt in diesem Bereich. Sie beweist jedoch nicht, dass das heute verfallene Hauptgebäude selbst identisch mit diesem Kontrollpunkt war.
Garz, Kamminke oder Bansin?
Bei der Recherche taucht ein Problem immer wieder auf: Für die Grenzsicherung im Südosten Usedoms finden sich die Ortsnamen Garz, Kamminke und Bansin. Das bedeutet nicht automatisch, dass alle Quellen dieselbe Dienststelle oder dasselbe Gebäude meinen.
Garz
Hier liegt der heute noch erhaltene Unterkunfts- und Dienstkomplex direkt an der B110. Die Presse verwendet für das Gelände die Bezeichnung „Grenzkompanie Garz“. Auch das Immobilienangebot spricht von einer „Alten Grenzkaserne“.
Kamminke
Ein Zeitzeuge aus der späten DDR-Zeit bezeichnet die Einheit als „Grenzkompanie Kamminke“. Gleichzeitig beschreibt er die Unterkunft an der heutigen B110 und damit nicht unmittelbar im Dorf Kamminke.
Bansin
Für Bansin ist mit der Grenzkompanie 1 ein eigener Standort an der Bergstraße überliefert. Bansin muss deshalb organisatorisch und geografisch getrennt von dem erhaltenen Gebäudekomplex bei Garz betrachtet werden.
Das Hauptgebäude besteht aus zwei verbundenen Bauteilen
Auf den ersten Blick kann der Bau wirken, als stünden hier zwei Gebäude direkt nebeneinander. Tatsächlich gehören beide Teile zusammen.
Links befindet sich ein giebelständiger Bau mit steilem Satteldach und einem hohen gemauerten Schornstein. Daran schließt unmittelbar ein längerer zweigeschossiger Gebäudeflügel mit sehr flach geneigtem beziehungsweise nahezu flachem Dach an. Regelmäßige Fensterachsen prägen diesen Teil des Komplexes.

So lag die Anlage an der B110
Neben dem großen Hauptgebäude gehörten weitere Bauten zum Gelände. Eine Verkäufer-Lageskizze bezeichnet diese als Wohnhaus, Nebengebäude, Schuppen und Wachhäuschen.
Für Usedom-Insider wurde daraus eine eigene vereinfachte Lageskizze erstellt. Sie dient ausschließlich der Orientierung und ist nicht vermessungsgenau.

Wann wurde die Grenzkaserne gebaut?
Eine amtliche Bauakte für das konkrete Gebäude liegt bislang nicht vor. Deshalb lässt sich das Baujahr derzeit nicht zweifelsfrei aus einer historischen Originalquelle bestimmen.
Das aktuelle Immobilienexposé nennt 1950 als Baujahr. Diese Angabe ist interessant, weil insbesondere der giebelständige Gebäudeteil tatsächlich älter wirkt als viele typische Kasernenbauten der späteren DDR-Zeit. Sie bleibt jedoch eine Angabe des Immobilienangebots und kein amtlich bestätigtes Baudatum.
Von der Grenzpolizei zur militärischen Grenzsicherung
Die deutsch-polnische Grenze auf Usedom wurde über Jahrzehnte von unterschiedlichen Strukturen überwacht. Deshalb wäre es zu einfach, den Standort bei Garz für die gesamte DDR-Zeit unverändert einer einzigen Dienststelle und Organisationsform zuzuordnen.
Aus frühen Formen der Grenzüberwachung entwickelte sich eine zunehmend militärisch organisierte Grenzsicherung. An der Ostseeküste spielte dabei später auch die Grenzbrigade Küste eine besondere Rolle. Sie stand im Zusammenhang mit der Volksmarine, war aber nicht mit den regulären Marineeinheiten der 1. Flottille in Peenemünde gleichzusetzen.
Für den Standort an der B110 ist deshalb entscheidend, einzelne Quellen immer in ihre jeweilige Zeit einzuordnen. Eine Bezeichnung aus den späten 1980er Jahren muss nicht automatisch für die 1960er oder 1970er Jahre gegolten haben.
Wie viele Soldaten waren hier stationiert?
Auch bei der Personalstärke zeigen die Quellen, warum unterschiedliche Zeitphasen getrennt betrachtet werden müssen.
Presseberichte beschreiben für die Geschichte des Standortes eine zeitweise deutlich größere Belegung. Für die letzten Jahre der DDR zeichnet ein Zeitzeuge dagegen ein wesentlich kleineres Bild.
Er berichtet für seine Dienstzeit von April 1987 bis 1990 von einer kleinen Einheit beziehungsweise einem Zug an der heutigen B110.
Grenzzeichen 898 am heutigen Übergang Garz
Nur wenige hundert Meter weiter östlich erreicht die B110 die Staatsgrenze zu Polen. Der heutige Straßenübergang liegt im Bereich des Grenzzeichens 898.
An dieser Stelle wird besonders gut sichtbar, wie eine Staatsgrenze in der Landschaft tatsächlich markiert wird. Deutscher und polnischer Grenzpfahl stehen jeweils auf ihrer Seite, während die eigentliche Grenzlinie im Bereich des Gewässers dazwischen verläuft.

Der Torfkanal als Staatsgrenze
Im Bereich des Übergangs bildet der Torfkanal beziehungsweise Torfgraben einen Teil der heutigen deutsch-polnischen Staatsgrenze. Die Grenzlinie verläuft dabei nicht entlang eines der Ufer, sondern im Gewässer.

Weiter südlich beziehungsweise in Richtung Korswandt verändert sich der Grenzverlauf. Die Grenzmarkierung 900 steht noch im Zusammenhang mit dem Torfkanal. Danach setzt sich die Grenze als Landgrenze Richtung Korswandt fort.
Vom Grenzzeichen 898 weiter Richtung Korswandt
Die Grenze zieht sich vom Übergang bei Garz weiter in Richtung Korswandt. Im Bereich östlich des Wolgastsees liegt das Grenzzeichen 908. Ein Zeitzeuge nennt den Abschnitt zwischen 898 und 908 als Teil seines damaligen Dienstbereichs.
Der Abschnitt ist gerade deshalb interessant, weil sich hier unterschiedliche Landschaftsformen abwechseln: Grenzgewässer, Wald und Landgrenze. Die heutige ruhige Umgebung lässt kaum noch erkennen, wie stark dieser Raum früher überwacht wurde.
Vom Grenzstandort zum verlassenen Gelände
Mit dem Ende der DDR und der veränderten Bedeutung der deutsch-polnischen Grenze verlor auch der Standort an der B110 seine frühere Funktion. Die Gebäude blieben erhalten, wurden aber nicht dauerhaft einer neuen Nutzung zugeführt.
Heute ist der bauliche Verfall deutlich sichtbar. Gleichzeitig wird das Gelände weiterhin als Immobilie angeboten. Das aktuelle Exposé führt es unter der Bezeichnung „Alte Grenzkaserne“ und nennt als Anschrift Altechauseestraße 1 in Garz.
Für Usedom-Insider ist der Ort deshalb weniger ein klassischer „Lost Place“ als ein noch vorhandenes Stück Grenzgeschichte. Entscheidend ist nicht der Verfall selbst, sondern die Frage, was dieser Gebäudekomplex über die frühere Nutzung des Grenzraumes erzählt.
Weitere Orte in der Umgebung
Die Grenzdienststelle bei Garz war nur ein Teil eines deutlich größeren militärischen Netzes auf der Insel. Einige wichtige Zusammenhänge findest Du auf diesen Seiten.
Worauf sich diese Rekonstruktion stützt
Für diesen Standort gibt es bislang keine einzelne Quelle, die Gebäude, Organisationsstruktur und Grenzabschnitt vollständig erklärt. Die Einordnung entsteht deshalb aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen.
Deutscher Bundestag
Bundestagsdrucksache 19/2953 von 2018 mit der ehemaligen Bundesliegenschaft „Garz, ehem. Grenzkontrollpunkt zu Polen“. Quelle öffnen
Ostsee-Zeitung
Berichte und Bildmaterial zum verfallenen Gelände an der B110, dort unter anderem als „Grenzkompanie Garz“ bezeichnet. Die Zeitung nennt außerdem die Schlafräume im Hauptgebäude sowie weitere Gebäude auf dem Gelände. Bericht öffnen
Immobilienangebot
Aktuelle Angaben zu Grundstück, Gebäudegröße, Etagenzahl, Anschrift, Lageskizze und dem dort genannten Baujahr 1950. Diese Angaben werden ausdrücklich als Exposé-Angaben behandelt. Exposé öffnen
Zeitzeugenaussage 1987 bis 1990
Persönlicher Bericht über die „Grenzkompanie Kamminke“, die Unterkunft an der heutigen B110, die damalige Personalstärke und Streifendienste im Grenzabschnitt. Zeitzeugenbericht öffnen
Ein kleiner Standort mit einer erstaunlich komplizierten Geschichte
Die verfallenen Gebäude an der B110 sehen zunächst nach einer gewöhnlichen alten Kaserne aus. Bei genauerem Hinsehen wird daraus ein Beispiel dafür, wie schwierig historische Militärstandorte auf Usedom manchmal einzuordnen sind.
Garz bezeichnet den heutigen Standort. Kamminke taucht als historische Organisations- und Zeitzeugenbezeichnung auf. Bansin gehört wiederum in einen übergeordneten beziehungsweise eigenen Standortzusammenhang. Dazu kommen ein Grenzkontrollpunkt, Unterkunftsgebäude und ein Grenzabschnitt, der teilweise entlang des Torfkanals verlief.
Gerade diese Unterschiede machen den Ort interessant. Statt alle Bezeichnungen zu einer einfachen Geschichte zusammenzuziehen, lässt sich hier nachvollziehen, wie sich Grenzsicherung, Organisation und Nutzung über die DDR-Zeit verändert haben.