Militärflugplatz Garz
Wo heute Urlaubsflieger starten, wartete früher die NVA
Der Flughafen Heringsdorf wirkt heute wie ein kleiner, entspannter Inselairport. Seine Vergangenheit war deutlich komplizierter. In Garz unterhielt die NVA einen Feld- und Ausweichflugplatz für die Jagdflieger aus Peenemünde. Gleichzeitig nutzten auch sowjetische Streitkräfte Teile des Raumes. Und während militärische Jets zum Bild gehörten, begann schon zu DDR-Zeiten der zivile Flugbetrieb.
Garz war mehr als ein zweiter Flugplatz
Wer die militärische Fliegerei auf Usedom verstehen will, muss einmal vom äußersten Norden bis fast an die polnische Grenze springen. Der Hauptstandort der Jagdflieger lag in Peenemünde. Garz spielte für sie eine andere Rolle.
Der Bundesarchiv-Atlas bestätigt hier das Feldflugplatzkommando 9 der NVA. Zusätzlich taucht Garz in den Unterlagen ausdrücklich als „NVA-Ausweichflugplatz Insel Usedom“ auf.
Damit ist die Grundfunktion ziemlich klar: Garz war kein zweites Peenemünde mit einem dauerhaft identischen Flugbetrieb. Der Platz sollte den militärischen Fliegern zusätzliche Möglichkeiten geben, wenn der Hauptflugplatz nicht genutzt werden konnte oder Einheiten verlegt wurden.
Garz gehörte zum Netz der Peenemünder Jagdflieger
Mehrere militärhistorische Fachquellen ordnen das Feldflugplatzkommando 9 dem Jagdfliegergeschwader 9 in Peenemünde zu. Damit spannt sich eine militärische Flugachse fast über die ganze Insel.
Im Norden lag der Heimatflugplatz des JG-9. Im Inselinneren arbeitete die Radarstellung bei Pudagla. Und im Südosten stand Garz als Feld- und Ausweichflugplatz zur Verfügung.
Für Garz ist eine NVA-Flugnutzung spätestens Anfang der 1960er Jahre gut gestützt. Ab 1969 wird der Platz in Fachquellen ausdrücklich als Feldflugplatz des JG-9 geführt. Im Laufe der folgenden Jahre nutzten zeitweise auch andere NVA-Fliegerverbände den Platz.
Ein Ausweichflugplatz musste trotzdem funktionieren
Ein Flugplatz wird nicht dadurch einsatzbereit, dass irgendwo eine lange Betonbahn liegt. Wenn Flugzeuge nach Garz verlegt wurden, brauchten sie am Boden Technik, Versorgung und Personal.
Genau dafür stand das Feldflugplatzkommando. Fachquellen nennen außerdem Teile des Fliegertechnischen Bataillons 9 am Standort. Die Details zu Personalstärke und sämtlichen Gebäuden sind bislang nicht vollständig archivalisch rekonstruiert.
Für unsere Inselgeschichte reicht der Zusammenhang: Garz war vorbereitet, damit militärischer Flugbetrieb auch abseits des Hauptstandortes Peenemünde möglich war.
Auch das Radar im Achterland hatte Garz im Blick
Die Verbindung auf der Insel führte nicht nur zwischen Garz und Peenemünde. Zeitzeugen aus der Radarstellung Pudagla berichten auch von der Unterstützung militärischer Flugbewegungen in Garz.
Damit zeigt sich wieder, wie eng die einzelnen Standorte zusammenspielten. Flugplätze, Radar und technische Einheiten waren keine voneinander isolierten Punkte auf der Landkarte.
Gerade auf Usedom lässt sich dieses Netz gut nachvollziehen: Peenemünde im Norden, Pudagla ungefähr in der Inselmitte und Garz weit im Südosten.
Für Garz spielte sogar Polen eine Rolle
Die Lage im äußersten Südosten Usedoms brachte eine Besonderheit mit sich: Gleich hinter dem Flugplatz lag die polnische Grenze.
Im Bundesarchiv ist eine Vereinbarung zwischen der DDR und Polen vom 7. Mai 1971 überliefert. Sie betrifft einen Fernmarkierungspunkt des Flugplatzes Garz auf polnischem Gebiet und nennt bereits im Aktentitel den Einflug.
Das zeigt, wie sehr die geografische Lage den Flugplatz bestimmte. Für einen militärischen Platz direkt am Rand des eigenen Staatsgebietes hörte die technische Planung nicht einfach am Grenzstein auf.
In Garz war nicht alles NVA
Jetzt wird die Geschichte etwas knifflig. Im Raum Garz gab es nicht nur Einrichtungen der DDR-Streitkräfte. Auch sowjetische Truppen nutzten militärische Flächen.
Der Bundesarchiv-Atlas führt einen eigenständigen sowjetischen Feldflugplatz Kamminke/Garz. Weitere Fach- und Sekundärquellen berichten ebenfalls über sowjetische militärische Nutzung im Bereich des Flugplatzes.
In den DDR-Unterlagen findet sich außerdem ein Eintrag „NVA-Objekt (Panzer)“ für Garz. Das klingt zunächst eindeutig, ist es aber nicht. Eine dazugehörige NVA-Panzereinheit wird im Atlas gerade nicht genannt. Gleichzeitig berichten andere Quellen von sowjetischen Panzertruppen im Raum Garz.
Garz zeigt damit besonders deutlich, warum man bei alten Militärstandorten nicht jedes Gebäude und jede Erinnerung automatisch der NVA zuschreiben darf.
Dann gab es auch noch die Grenzsicherung
Als wäre die militärische Landkarte rund um Garz noch nicht voll genug, kommt ein weiterer Bereich hinzu. An der B110 und im Raum Kamminke bestanden Einrichtungen der DDR-Grenzsicherung.
Ein ehemaliger Grenzkontrollpunkt zu Polen ist amtlich belegt. Außerdem gibt es Hinweise auf eine frühere Kaserne an der B110. Diese Einrichtungen gehörten aber nicht zum Feldflugplatzkommando 9.
Flugplatz und Grenzsicherung lagen räumlich nah beieinander, hatten jedoch unterschiedliche Aufgaben und Organisationslinien. Deshalb bleibt die Grenzgeschichte auf dieser Seite bewusst kurz.
Urlaubsflieger kamen schon zu DDR-Zeiten
Besonders gut passt Garz zu unserem roten Faden Ferieninsel und Militärinsel, weil hier beides tatsächlich am selben Flugplatz zusammentraf.
Ab 1962 wurde ein Teil des Geländes für den zivilen Luftverkehr der Interflug genutzt. Während der militärische Bereich weiterhin mit Garz verbunden war, setzte sich für den Passagierverkehr der Name Flughafen Heringsdorf durch.
Damit konnten Urlauber auf Usedom landen, während derselbe Flugplatz weiterhin militärische Aufgaben erfüllte. Viel direkter können sich Ferien- und Militärinsel kaum begegnen.
1993 wurde ein alter Hangar zur Konzerthalle
Mit Garz verbinde ich noch eine ganz persönliche Erinnerung. Ich war bereits wenige Jahre nach dem Ende der DDR auf dem Flugplatz, allerdings nicht wegen alter MiGs oder Militärgeschichte.
1993 besuchte ich gemeinsam mit meinem Onkel ein Konzert der Puhdys auf dem Flughafen Heringsdorf. Gespielt wurde in einem alten Flugzeughangar. Die Band war damals gerade wieder auf Comeback-Tour.
Für mich war das damals einfach ein Konzertbesuch. Heute finde ich den Ort fast genauso spannend wie das Konzert selbst. Nur wenige Jahre zuvor war Garz noch eng mit militärischer Fliegerei verbunden. Nun wurde einer der Hangars zur Bühne für eine der bekanntesten Rockbands des Ostens.
Mit diesem Konzert beschäftige ich mich inzwischen noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive. Ich arbeite an einem Buch über Ostrock und darüber, was von dieser Musikszene geblieben ist. Auch der Auftritt in Garz gehört zu dieser Geschichte.
Damit verbindet sich für mich an diesem Ort gleich zweimal Vergangenheit und Gegenwart: einmal die militärische Geschichte des Flugplatzes und einmal die Geschichte des Ostrock nach dem Ende der DDR.
Aus Militärflächen wurde wieder ziviles Usedom
Nach dem Ende der DDR begann rund um Garz eine große Umwandlung. Die Flughafen Heringsdorf GmbH wurde 1992 gegründet. In den folgenden Jahren wurden die Flugbetriebsflächen saniert und der zivile Flughafen weiterentwickelt.
Der Puhdys-Auftritt 1993 passt für mich genau in diese Übergangszeit. Alte militärische Gebäude waren noch da, bekamen aber plötzlich völlig neue Funktionen.
Die Nachnutzung beschränkte sich nicht auf Startbahn und Hangars. Kommunale Unterlagen dokumentieren größere ehemalige Militär- und Konversionsflächen im Grenzbereich von Garz und Zirchow.
Besonders deutlich wird der Wandel auf einem Teil des früheren militärischen Fliegerhorstes. Rund 4,5 Hektar werden heute von einem Behindertenzentrum und einer Förderschule genutzt.
Wo früher militärische Nutzung den Raum bestimmte, findet heute ziviler Flugverkehr, Bildung, Betreuung und ganz normaler Inselalltag statt.
Fragen zum Militärflugplatz Garz
Ja. Das Feldflugplatzkommando 9 ist für Garz amtlich belegt. In DDR-Unterlagen wird der Standort außerdem ausdrücklich als NVA-Ausweichflugplatz bezeichnet.
Mehrere Fachquellen ordnen Garz dem Jagdfliegergeschwader 9 zu. Der Platz diente als Feld- und Ausweichflugplatz für den Peenemünder Verband.
Ja. Eine sowjetische militärische Nutzung des Raumes ist belegt beziehungsweise durch mehrere Quellen gestützt. Die genaue Chronologie einzelner sowjetischer Einheiten ist noch nicht vollständig geklärt.
Das ist nicht belegt. Ein DDR-Archiveintrag nennt zwar ein „NVA-Objekt (Panzer)“, weist ihm aber keine entsprechende NVA-Einheit zu.
Der heutige Flughafen steht in direkter räumlicher und historischer Verbindung mit dem früher militärisch und bereits zu DDR-Zeiten teilweise zivil genutzten Flugplatzgelände bei Garz.
Ja. Ich selbst besuchte 1993 gemeinsam mit meinem Onkel ein Konzert der Puhdys in einem alten Flugzeughangar auf dem Flughafen Heringsdorf. Die Band war zu dieser Zeit wieder auf Comeback-Tour.
Von MiGs zu Rockmusik und Urlaubsfliegern
Garz ist für mich einer der spannendsten Militärorte auf Usedom, gerade weil die Geschichte nicht sauber in eine einzige Schublade passt. Hier gab es NVA-Flugbetrieb, Verbindungen zu den MiGs in Peenemünde, sowjetische Nutzung und gleich nebenan die DDR-Grenzsicherung.
Und mitten in dieser militärischen Welt begann schon der zivile Urlaubsverkehr. Nach 1990 veränderte sich der Ort erneut.
Ein kleines Stück davon habe ich selbst erlebt. 1993 stand ich mit meinem Onkel bei einem Puhdys-Konzert in einem alten Flugzeughangar. Wo wenige Jahre zuvor noch militärische Fliegerei zum Alltag gehörte, wurde plötzlich Rockmusik gespielt.
Heute starten hier Ferienflieger, andere ehemalige Militärflächen haben längst völlig neue Aufgaben. Genau deshalb ist Garz für mich ein besonders gutes Beispiel dafür, wie schnell sich ein Ort verändern kann und wie viele Geschichten trotzdem unter der heutigen Oberfläche erhalten bleiben.