Radarstation Pudagla
Mitten im Achterland saßen die Augen der Luftverteidigung
Pudagla kennt man heute wegen Mühle, Schloss und ruhiger Achterland-Landschaft. Zu DDR-Zeiten gehörte noch etwas ganz anderes zum Ort: südwestlich des Dorfes arbeitete ein großer Radarstandort der NVA. Von hier wurde der Luftraum beobachtet, eine Luftlage erstellt und der Flugbetrieb der Jagdflieger in Peenemünde unterstützt. Die MiGs flogen im Norden, ein Teil ihrer Augen saß mitten auf der Insel.
Ein Militärstandort, den heute viele einfach passieren
Wer heute durch Pudagla fährt, denkt wahrscheinlich eher an Bockwindmühle, Schloss oder Schmollensee als an Luftverteidigung. Genau deshalb gehört der Radarstandort für mich zu den überraschenderen Geschichten dieses ganzen NVA-Clusters.
Das Bundesarchiv bestätigt südwestlich von Pudagla sowohl das Funktechnische Bataillon 33 als auch die Funktechnische Kompanie 331. In den damaligen Unterlagen taucht außerdem eine NVA-Funkmessstation auf.
Ein großer Teil des militärisch genutzten Bereichs lag westlich der B111. Kommunale Unterlagen beschreiben dort ein ehemaliges Armeeobjekt von rund 14,6 Hektar. Wer heute vorbeifährt, sieht allerdings keine weithin sichtbare Radarstation mehr. Die Landschaft und die Nutzung des Geländes haben sich längst verändert.
Radar statt Bunkerromantik
Bei ehemaligen Militäranlagen ist schnell von geheimen Bunkern und mysteriösen Einrichtungen die Rede. Für Pudagla ist die eigentliche Aufgabe spannender und deutlich besser belegt.
Die Funktechnischen Truppen der Luftverteidigung sollten den Luftraum aufklären. Radargeräte erfassten Flugbewegungen, aus den Informationen entstand eine Luftlage und diese Daten konnten für die Führung von Jagdflugzeugen genutzt werden.
Ein ehemaliger Soldat aus Pudagla beschreibt für die 1980er Jahre einen großen Überwachungsbereich über Nordostdeutschland und Teilen der südlichen Ostsee. Zu den Aufgaben gehörte nach seiner Erinnerung außerdem die Unterstützung militärischer und ziviler Flugbewegungen.
Die MiGs flogen im Norden, Pudagla schaute mit
Der interessanteste Zusammenhang führt direkt nach Peenemünde. Dort war seit 1961 das Jagdfliegergeschwader 9 stationiert. Seine MiG-Jagdflugzeuge brauchten nicht nur Piloten, Startbahn und Technik am Boden, sondern auch Informationen darüber, was sich im Luftraum abspielte.
Zeitzeugenberichte aus Pudagla beschreiben eine enge Zusammenarbeit mit dem JG-9. Während des Flugdienstes sollen Jägerleitoffiziere aus Peenemünde im Gefechtsstand in Pudagla gearbeitet haben. Außerdem bestanden Funkverbindungen zu den Jagdflugzeugen.
Damit bekommen zwei weit auseinanderliegende Orte auf Usedom plötzlich eine gemeinsame Geschichte. Peenemünde war der sichtbare Flugplatz. Pudagla arbeitete im Hintergrund.
Auch Garz gehörte zum fliegerischen Netz
Peenemünde war nicht der einzige Flugplatz, mit dem Pudagla verbunden war. Zeitzeugen nennen auch militärische Flugbewegungen im Raum Garz.
Das passt zur damaligen Struktur auf Usedom. Garz diente als Feld- und Ausweichflugplatz und war dem Peenemünder Jagdfliegergeschwader zugeordnet. Damit lag Pudagla ziemlich genau zwischen zwei wichtigen Punkten der militärischen Fliegerei auf der Insel.
Im Norden starteten die MiGs in Peenemünde, im Südosten lag der Ausweichflugplatz Garz und dazwischen arbeitete der Radarstandort.
Zur Radarstation gehörte ein ganzer Betrieb
Ein Radarstandort besteht nicht nur aus einer Antenne auf einem Hügel. Auch in Pudagla gehörten Unterkünfte, Stabsbereiche, Fahrzeuge, technische Einrichtungen und die Versorgung der Anlage zum täglichen Betrieb.
Private militärhistorische Dokumentationen beschreiben unter anderem Stabs- und Unterkunftsgebäude, Fahrzeugbereiche, Wachgebäude und geschützte technische Anlagen. Die genaue Verteilung sämtlicher Radarstellungen lässt sich aus den bisher ausgewerteten amtlichen Unterlagen allerdings nicht parzellenscharf rekonstruieren.
Genau deshalb verzichte ich hier auf eine vermeintlich exakte Karte mit jedem ehemaligen Radarplatz. Gesichert ist der militärische Komplex südwestlich von Pudagla. Bei einzelnen technischen Teilflächen ist die genaue Zuordnung noch nicht vollständig geklärt.
Die Technik wechselte über die Jahre
Wer sich tief in das Thema einliest, trifft schnell auf Bezeichnungen wie K-66, P-12 oder P-37. Solche Geräte sind für Pudagla in Fach- und Zeitzeugenquellen überliefert.
Für unsere Geschichte ist aber etwas anderes wichtiger: Die technische Ausstattung blieb nicht über Jahrzehnte gleich. Geräte wurden ausgetauscht, ergänzt oder außer Dienst gestellt. Eine einzige lange Liste würde deshalb eher verwirren als helfen.
Entscheidend ist die Funktion. Die Technik sollte Flugbewegungen erkennen und Informationen liefern, aus denen eine möglichst aktuelle Luftlage entstand.
Zwischen Radarbild und ganz normalem Usedom
Besonders greifbar wird Pudagla durch die Erinnerungen ehemaliger Soldaten. Ein Zeitzeuge, der von 1985 bis 1987 am Standort diente, beschreibt Schichtdienst, Radartechnik und die Zusammenarbeit mit den Jagdfliegern.
Das erzeugt ein ungewöhnliches Bild: Nur wenige Kilometer entfernt lagen Dörfer, Seen und Urlaubsorte. Hinter dem Militärzaun ging es gleichzeitig darum, Flugbewegungen über einem großen Teil Nordostdeutschlands und der Ostsee zu verfolgen.
Für mich ist genau das wieder diese typische zweite Ebene Usedoms. Von außen sieht man Landschaft. Hinter der Landschaft lief damals ein technischer Betrieb, dessen Aufgabe weit über die Insel hinausreichte.
1990 war in Pudagla noch nicht sofort Schluss
Mit dem Ende der DDR verschwand der Radarstandort nicht über Nacht. Die Bundeswehr übernahm Teile der NVA-Radarstruktur und führte den Betrieb zunächst weiter.
Damit gehört Pudagla zu den Standorten auf Usedom, bei denen die militärische Nutzung die Wiedervereinigung noch eine Zeit lang überdauerte.
Der operative Einsatzbetrieb endete schließlich zum Jahresende 1992. Damit war nach Jahrzehnten Schluss mit der militärischen Luftraumüberwachung von diesem Standort.
Aus dem Armeeobjekt wurde eine Konversionsfläche
Nach dem Ende der militärischen Nutzung begann die nächste Veränderung. Das frühere Armeeobjekt westlich der B111 wurde zur Konversionsfläche und teilweise gewerblich nachgenutzt.
Kommunale Unterlagen nennen dort Altbausubstanz, Betonflächen und Bunker- beziehungsweise Geländestrukturen. Von der einstigen Radarwelt ist also nicht alles spurlos verschwunden, aber der Standort lässt sich heute nicht mehr wie eine erhaltene Militäranlage ablesen.
Das finde ich bei Pudagla eigentlich viel interessanter als einen klassischen Lost Place. Aus einer militärisch abgeschirmten Fläche wurde wieder ein Teil des normalen Inselalltags.
Fragen zur Radarstation Pudagla
Ja. Das Bundesarchiv bestätigt südwestlich von Pudagla das Funktechnische Bataillon 33 und die Funktechnische Kompanie 331.
Zu den Aufgaben der Funktechnischen Truppen gehörten Luftraumaufklärung, die Erstellung einer Luftlage und die Unterstützung der Führung von Jagdflugzeugen.
Zeitzeugenberichte beschreiben eine enge Zusammenarbeit mit dem Jagdfliegergeschwader 9. Radarinformationen aus Pudagla wurden für den Flugbetrieb und die Jägerleitung genutzt.
Nach der Übernahme durch die Bundeswehr lief der militärische Radarbetrieb zunächst weiter. Ende 1992 wurde der operative Einsatzbetrieb beendet.
Der frühere Militärbereich ist kein reguläres Museum oder ausgewiesenes Besucherziel. Teile des Areals wurden nach 1990 gewerblich nachgenutzt.
Die unsichtbare Seite der MiG-Geschichte
Bei Jagdflugzeugen denkt man zuerst an Startbahn, Piloten und Maschinen. Pudagla zeigt die andere Seite. Damit die MiGs in Peenemünde überhaupt sinnvoll geführt werden konnten, brauchte es Menschen und Technik, die den Himmel beobachteten.
Genau deshalb gehört der Radarstandort für mich zu den wichtigsten Puzzleteilen der militärischen Geschichte Usedoms. Er war weniger spektakulär sichtbar als ein Jagdflugzeug oder ein Kriegsschiff, aber für das System dahinter entscheidend.
Heute erinnert rund um Pudagla nur noch wenig auf den ersten Blick daran. Wer die Geschichte kennt, fährt trotzdem nicht mehr ganz so achtlos an diesem Stück Achterland vorbei.